Früher war ein Schnaps zum Mittag für Ulrich Schmidt* ein Ritual. Er trank ihn mal zur Beruhigung, mal zur Stärkung für den restlichen Arbeitstag. Außerhalb der Familie ahnten nur wenige, dass Schmidt Alkoholiker war. Er machte Karriere als Kaufmann, arbeitete oft 14 Stunden am Tag, verdiente gut und hatte Freunde. Er hatte eine schicke Stadtwohnung, war gepflegt und trank mit Disziplin.

Aber als er älter wurde, entglitt ihm die Kontrolle. Sein Körper reagierte sensibler auf das Gift, der Alkohol beeinträchtigte ihn stärker als bisher. Schmidt begann, seinen Alltag nur noch schemenhaft wahrzunehmen. Um den Kontakt zu seinen Freunden zu halten, fehlte ihm plötzlich die Kraft. Mit der Einsamkeit wurde der Drang zu trinken stärker.

Für Menschen, die ihr Leben lang Drogen konsumiert haben, kann sich die Wirkung im Alter erheblich verändern. Manche beginnen auch erst im Rentenalter, bewusst Alkohol oder Medikamente zu nehmen, um sich besser zu fühlen. 

Rund 400.000 Deutsche über 60 Jahre haben laut dem Bundesministerium für Gesundheit ein ernsthaftes Alkoholproblem. 27 Prozent der Männer und 19 Prozent der Frauen ab 65 Jahren konsumieren laut einer Studie des Robert Koch-Instituts so viel Alkohol, dass ihr Risiko für Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck im Vergleich mit Gleichaltrigen deutlich höher ist. Außerdem altern die Organe früher, es besteht ein höheres Risiko für Lebererkrankungen bis hin zur Leberzirrhose, hirnorganische Schädigungen und Krebserkrankungen.

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Problematisch ist auch der Umgang Älterer mit Beruhigungs- und Schmerzmitteln. Zwischen 1,7 und 2,8 Millionen über 60-Jährige nehmen laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zu viele psychoaktive Medikamente. "Vor allem Benzodiazepine werden verstärkt zum Problem. Die Schlafmittel werden oft zu lange und in zu großen Mengen verschrieben und eingenommen", sagt Peter Flesch, Chefarzt der Geriatrie in der Asklepios Klinik Nord in Hamburg. Bereits nach drei Wochen können sie abhängig machen. Oft liegen auf seiner Station aber auch Patienten, die seit Jahrzehnten Schlafmittel nehmen, teilweise in hohen Dosen.

Angst vor dem Ruhestand

Die Gründe für Sucht im Alter sind vielschichtig. Ein Faktor ist das sich verändernde Umfeld: Statt regelmäßig arbeiten zu gehen, einem geregelten Tagesablauf zu folgen, Kollegen und Freunde zu treffen, haben die Menschen viel Freizeit, die sie oft als Leere empfinden. "Einsamkeit ist ein großes Thema, vor allem wenn dann noch Partner und Freunde versterben und die Kinder weit weg wohnen", sagt die Psychotherapeutin Karin Bernhardt. Wer damit nicht klarkomme, flüchte in Alkohol oder nehme Medikamente.

Bernhardt leitet die Sucht-Beratungsstelle Hummel in Hamburg. Mehr als 16 Prozent ihrer weiblichen und 14 Prozent der männlichen Klienten sind in Rente. Sie leiden darunter, dass sie körperliche Gebrechen bekommen und ihre Selbstständigkeit schwindet; sie werden unzufriedener. "Es beginnt oft mit der Angst vor dem Ruhestand und einem damit verbundenen Gefühl von Bedeutungslosigkeit", sagt sie. Auch knappere Renten und die Angst vor einem sozialen Abstieg spielten eine Rolle.