Deutschlands Kinder sind rundum stressgeplagt, jedes Dritte ist mit seinem Leben unzufrieden. Das soll eine Umfrage der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit der Bepanthen Kinderförderung zeigen. Die Folgen lesen sich nicht weniger besorgniserregend: Von Depressionen, Versagensängsten und einem deutlich erhöhten Aggressionspotenzial ist die Rede. Damit reiht sich die Untersuchung in eine lange Liste von Publikationen ein, die alle die gleiche These stützen: Der Nachwuchs befindet sich in einem katastrophalen Zustand.

Dabei wuchsen Kinder und Jugendliche hierzulande noch nie so behütet und umsorgt auf wie heute. Nimmt man Forschungsergebnisse der letzten Jahre zusammen, zeigt sich tatsächlich ein anderes Bild: Keineswegs geht es ihnen schlechter als vor fünf, zehn oder 50 Jahren. Fragt man Kinder, sagen sie, sie seien glücklich. Wie passt das mit der aktuellen Untersuchung zusammen?

Laut der nun vorgestellten Studie zeigt circa jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche deutliche Symptome von Stress. "Der Anteil der Kinder, die keine oder nur sehr geringe Stress-Symptome haben, ist bemerkenswert gering", heißt es in den Unterlagen. In mitgelieferten Grafiken besteht das eindrückliche Tortendiagramm deshalb bloß aus zwei Stücken: ein kleineres für "hohen Stress", ein bedeutend größeres für "niedrig bis moderaten Stress". Stressfreie Kinder gibt es in diesem Bild nicht.

Stress ist ein Modebegriff

"Kein Stress ist keine Option", sagt der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Holger Ziegler. Er ist Erstautor der Studie und versteht mit seinen Kollegen unter Stress zunächst mal "ein Ungleichgewicht zwischen wahrgenommenen Anforderungen und subjektiven Fähigkeiten, diesen Anforderungen zu begegnen". Er sei sich bewusst, dass Stress ein deutungsoffenes Konstrukt sei, ein Modebegriff. Aber man könne sich ihm annähern.

Messen lasse er sich etwa anhand der zeitlichen Belastung, der Zahl unangenehmer Termine, des gefühlten Erwartungsdrucks oder körperlicher Beschwerden, für die sich keine körperliche Ursache finden lässt; von Letzterem sprechen Experten als somatoforme Belastungen. Die entscheidenden Fragen für Ziegler und Kollegen: Haben die Kinder nach der Schule genug Zeit zum Spielen? Bestimmen die Eltern, was der Nachwuchs nach der Schule und an freien Tagen macht? Wie oft hat ein Kind Bauchschmerzen?

Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, zog das Team drei Monate lang aus in die Kinderzimmer Berlins, Kölns und Dresdens. Insgesamt befragten sie 1.100 Kinder und Jugendliche von 6 bis 11 und 12 bis 16 Jahren sowie 1.039 Eltern in Deutschland. Die meisten Familien wurden zufällig per Register des Einwohnermeldeamts ausgewählt; damit die Mittelschicht nicht dominiert, fuhren die Forscher aber noch gezielt in ausgewählte Stadtteile, um alle Milieus abzubilden. Eine gewisse Tendenz gibt es zwar, dennoch gilt die Studie als repräsentativ.

Die Ergebnisse lesen sich alarmierend:

  • Ein Fünftel der Kinder zeigt nach Meinung der Autoren deutliche Stresssymptome, sie haben ein "hohes Stresslevel". Der Rest sei entspannter, aber eben nicht stressfrei.
  • Rund 30 Prozent der Kinder mit hohem Stresslevel sind mit ihrem Leben nicht zufrieden.
  • 70 Prozent der stark gestressten Kinder können die Hausaufgaben nicht bewältigen. Damit stelle die Schule einen deutlichen Stressfaktor dar, schreiben die Autoren.
  • 65 Prozent der Kinder mit hohem Stress berichten von somatoformen Belastungen, die im Vergleich zu allen Kindern überdurchschnittlich stark sind. Es fällt ihnen schwer, einzuschlafen, sie berichten von häufigen Kopf- und Bauchschmerzen. "Dies sind klassische Burn-out-Symptome, die für Eltern wichtige Warnsignale sind", sagt Studienleiter Ziegler.
  • Fast 34 Prozent der Kinder mit hohem Stress haben auch ein hohes Aggressionspotenzial.
  • 49,2 Prozent der Stress-Jugend hat Angst, die Eltern zu enttäuschen, und 52,1 Prozent befürchten, dass sie Dinge nicht gut genug oder verkehrt machen.

Die Eltern scheinen sich dessen nicht bewusst zu sein. Laut der Umfrage glauben 87,3 Prozent nicht, den Nachwuchs zu überfordern. Die Hälfte gab an, alles zu tun, um ihr Kind zu fördern, viele fürchten gar, noch nicht genug zu tun. "Die Diskrepanz der Wahrnehmung ist auffallend", sagt Studienautor Ziegler. Und sie verschlimmere womöglich das Problem, weil Eltern ein Unwohlsein des Kindes unter Umständen gar nicht wahrnehmen würden.