Das Sorgerecht dürfe die 20-jährige Mutter behalten, aber stillen solle sie ihr Kind nicht mehr. Mit diesem Urteil hatte ein australischer Richter Anfang des Monats weltweit für Empörung und Verunsicherung gesorgt. Die Begründung für das Verbot: Die Mutter habe sich während der Stillzeit Tattoos an Finger und Fuß stechen lassen. Somit bestehe die Gefahr, dass sie sich mit einer schweren Krankheit wie HIV oder Hepatitis B oder C angesteckt haben könnte. Die Gesundheit des Kindes sei gefährdet.

Inzwischen hat ein Berufungsgericht das richterliche Verbot aufgehoben. Das Risiko einer Infektion sei falsch eingeschätzt worden, begründete das Familiengericht in Sydney seine Entscheidung. Doch es bleibt die Verunsicherung: Ist eine frische Tätowierung der Mutter tatsächlich eine Gefahr für das gestillte Kind?

Allein in Deutschland sind schätzungsweise acht Millionen Menschen tätowiert. Es gibt damit also genug potenzielle Probanden, um etwaige Risiken erforschen zu können – sollte man meinen. Doch tatsächlich sind zahlreiche Fragen offen, was die Entscheidung des australischen Richters weniger absurd erscheinen lässt, als es zunächst den Anschein hat.

Hygiene und Farbstoff sind ausschlaggebend

Im Wesentlichen gibt es zwei gesundheitliche Risiken: Zum einen, sich im Tattoo-Studio mit einer Krankheit anzustecken. Hier spielen die hygienischen Zustände eine große Rolle, die sich kontrollieren lassen. Eine Expertenkommission erarbeitet dazu derzeit sogar eine europäische Norm. Zum anderen die verwendeten Mittel, speziell die Farbstoffe, mit denen Tätowierer den Körperschmuck unter die Haut bringen. Denn ein großer Teil der Farbe bleibt nicht dort, wo sie eingebracht wurde, sondern verteilt sich auf unbekannten Wegen im Organismus.

Das Risiko, dass bestimmte Krankheiten wie HIV oder Hepatitis übertragen werden, besteht überall dort, wo Blut fließt: beim Blutspenden, dem Zahnarzteingriff und eben auch im Tattoo-Studio. Die Farbe des Tattoos wird mit mehreren Nadeln in die Haut eingebracht. Etliche Male pro Sekunde durchstechen sie die oberste Hautschicht, die Epidermis, und bringen Farbe in die darunter liegende Lederhaut, die von Blutgefäßen durchzogen ist. Die Nadeln gelangen so in Kontakt mit der Blutbahn und könnten daher HI- sowie Hepatitis-B- und C-Viren übertragen.

Die Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zur Hygiene beim Tätowieren besagt, es gebe zwar ein theoretisches Risiko, dass bestimmte Viren übertragen werden, dieses könne jedoch "nach heutigem Wissensstand nicht mit Zahlen belegt werden". Zu wenig Daten existierten darüber, wer sich wann wo unter welchen Hygienebedingungen mit welcher Krankheit infiziert habe. Doch ein Infektionsrisiko – wie groß oder klein auch immer – besteht.

Steckt sich eine stillende Mutter mit HIV oder Hepatitis an, kann dies schwerwiegende Folgen für den Säugling haben. Vom HI-Virus ist bekannt, dass es über die Muttermilch übertragen werden kann. Bei der Leberkrankheit Hepatitis B oder C ist das laut Robert-Koch-Institut zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

"Better safe, than sorry"

HIV-infizierte Säuglinge zeigen häufig schon während des ersten Lebensjahres Krankheitssymptome. Bis zu 16 Prozent der infizierten Babys sterben vor ihrem vierten Geburtstag, da das Virus ihr Immunsystem zerstört. Bei Kindern, die sich mit Hepatitis B infiziert haben, wird die Erkrankung in 90 Prozent der Fälle chronisch, wesentlich häufiger als bei Erwachsenen. Schwerwiegende bleibende Schäden der Leber können die Folge sein. Auch Hepatitis-C-Erkrankungen verlaufen oft chronisch, wenn das Kind sich als Säugling ansteckt.

Für Andreas Schmidt gilt daher der Grundsatz: Better safe, than sorry – lieber auf Nummer sicher gehen, als etwas bereuen. Schmidt ist zweiter Vorsitzender des Vereins Deutsche Organisierte Tätowierer (DOT) und würde grundsätzlich niemals eine schwangere oder stillende Frau tätowieren: "Das bedeutet immer Stress und beansprucht den Kreislauf. Da ist es im Zweifel besser, das ungeborene Kind nicht zu gefährden", sagt er. "Auch beim Stillen gibt es noch eine Verbindung zwischen Mutter und Kind." 

Schmidt und seine Verbandskollegen setzen sich dafür ein, dass in Deutschland Zugangsregelungen für das Tätowier-Handwerk geschaffen werden. Wer ein Studio eröffnen will, so fordern sie, soll bestimmte Kurse in Bereichen wie Hygiene und Dermatologie vorweisen müssen. Doch bis dahin würde es noch dauern, sagt Schmidt. Wie lange genau, vermag er nicht zu sagen.