Zwei junge Männer, gute Freunde, begehren eine Frau. Der eine heiratet sie. Bald erwarten sie ein Kind, doch die Frau sehnt sich nach dem anderen. Die Situation wird so kompliziert, dass sich beide Männer schließlich enthaupten. Macht nichts, denn die Frau lässt die Männer wieder zusammenflicken. Beide leben weiter, allerdings mit vertauschten Körpern. Gut für die Frau, denn jetzt kann sie den Kopf des einen küssen und mit dem Körper des anderen schlafen. Bleibt nur die Frage: Wer ist jetzt der Vater ihres Kindes?

Thomas Mann schrieb die Legende Die vertauschten Köpfe um 1940 – nicht ganz ein Jahrhundert später inspiriert sie einen italienischen Arzt zu einem echten Experiment. Sergio Canavero, Neurochirurg am Universitätsklinikum in Turin, will einem gelähmten Menschen einen neuen Körper schenken. Wie er sich das vorstellt: Kopf herunterkühlen, abtrennen, auf neuen Hals setzen und mit einer Flüssigkeit namens Polyethylenglykol (PEG) das Wachstum der Nerven antreiben – oder um es in seinen Worten zu sagen: "You cut the spaghetto, you apply PEG, and boom."

Viele seiner Kollegen schütteln darüber den Kopf – aus Erstaunen, Spott oder Entsetzen. Denn die Pläne des Neurochirurgen sind nicht nur medizinisch unerprobt, sie sind auch ethisch fatal.

In der Vergangenheit führten Forscher ähnliche Experimente an Tieren durch. Ein Rhesusaffe (White et. al., 1971) überlebte einige Tage mit einem neuen Körper, bevor das Immunsystem des transplantierten Körpers den Kopf abstieß. In dieser Zeit konnte sich der Affe halsabwärts nicht bewegen. Die Wissenschaftler hatten jedoch auch nicht versucht, die Nervenbahnen seines Kopfes mit denen des fremden Organismus zu verknüpfen.

Damit der Kopf den fremden Körper steuern kann, müssten die Nervenenden miteinander verwachsen. Doch welche Steckverbindungen zusammengefügt werden müssen, damit sich auch der Arm bewegt, wenn der Kopf ihm den Befehl gibt, ist Medizinern ein Rätsel – auch Canavero weiß dies nicht. In seinem Entwurf zu HEAVEN – so nennt er sein Projekt – beschreibt er stattdessen ausführlich, wie PEG das Wachstum der Nerven fördert. Die Flüssigkeit soll die Membranen von Nerven nicht nur versiegeln, sondern sie auch wieder miteinander verwachsen lassen (Borgens, 2001). Nebenwirkungen gibt es nicht. PEG macht im Prinzip nur Gewebe, zum Beispiel Haut, wasserdurchlässiger, weshalb es auch in vielen Kosmetika enthalten ist.

Eine Wunderflüssigkeit ist PEG keineswegs. Sie lässt nicht zusammenwachsen, was zusammengehört. Ließen sich durchtrennte Nervenstränge so einfach reparieren, könnten Querschnittsgelähmte nach chirurgischen Eingriffen wieder gehen.

Der Körper könnte wahnsinnig machen

Selbst wenn: Was tun gegen die natürlichen Abwehrreaktionen nach Transplantationen? Einerseits wird der Körper mit seiner aktiven Immunabwehr gegen den verpflanzten Kopf kämpfen. Zugleich entwickeln viele Patienten nach einer Transplantation eine ausgeprägte psychische Abneigung gegen ihr neues Organ. Dass das Gehirn einen kompletten Körper akzeptieren muss, könnte den Patienten in den Wahnsinn treiben.

Ihn mache sein jetziger Zustand auch wahnsinnig, sagt Valery Spiridonov angesichts solcher Prognosen. Er ist der freiwillige Patient, an dem Canavero die Operation durchführen will. Der 30-jährige Programmierer leidet unter der seltenen Werdnig-Hoffmann-Krankheit. Fortschreitend sterben Nervenzellen in seinem Rückenmark ab, die für die Motorik zuständig sind. Er sagt: "Mein Körper ist nur Mechanik und ich will, dass er ausgetauscht wird." In zwei Jahren kann es soweit sein, sagt Canavero.