"Malaria tötet": Mehr als 580.000 Menschen starben laut WHO 2013 an den Folgen der Krankheit. © PIUS UTOMI EKPEI/AFP/Getty Images

Ein Winzling hat die Gesundheitssysteme Westafrikas lahmgelegt: Gerade mal 80 Nanometer misst das Ebola-Virus im Durchmesser, dennoch bestimmt es seit Monaten den Alltag von Ärzten und Helfern in der Region. Zehntausende Malaria-Patienten bekamen deshalb nicht die benötigte Hilfe, wie eine aktuelle Studie im Fachmagazin Lancet Infectious Diseases zeigt (Plucinski et al., 2015).

Als sich Ebola vergangenes Jahr in Sierra Leone, Liberia und Guinea rapide ausbreitete, waren weder die Ärzte vor Ort noch internationale Hilfsorganisationen ausreichend vorbereitet. Es gab keinen Impfstoff, viele Menschen in der betroffenen Region kannten die Krankheit nicht, die Skepsis gegenüber Hilfe aus dem Westen war groß.

Es dauerte Monate, bis die Situation unter Kontrolle war, besiegt ist das Virus immer noch nicht. Mehr als 27.000 Menschen sind bislang erkrankt, mehr als 11.000 gestorben. Derweil wurden wegen Ebola fast alle anderen Gesundheitsmaßnahmen hinten angestellt. Ärzte und Krankenschwestern berichteten etwa von  weniger Impfungen gerade bei Kindern und unzureichender Vorsorge bei Schwangeren. Auch sei es nicht möglich gewesen, weiteren weit verbreiteten, gefährlichen Krankheiten die volle Aufmerksamkeit zu schenken, etwa Malaria. Die von Mücken übertragene Krankheit gilt als eine der tödlichsten Infektionen überhaupt. Zwar ist sie heilbar, doch oft ist die Gesundheitsversorgung in den betroffenen Regionen unzureichend.

Hier knüpft die Studie von Infektionsforscher Mateusz Plucinski und Kollegen an. "Wir haben uns bewusst auf Malaria konzentriert", schreiben die Wissenschaftler. Viele Menschen in Guinea würden deshalb ärztliche Hilfe suchen. Bis zum Ebola-Ausbruch sei von allen Patienten jeder Dritte wegen Malaria-Beschwerden in eine Klinik gekommen. Hat die Notlage diese Quote verändert?

Laut der aktuellen Studie ist die Antwort eindeutig: Ja. Im Jahr 2014 seien insgesamt 11 Prozent weniger Kranke in die Kliniken gekommen als noch im Jahr zuvor, die Rate jener, die wegen Malaria behandelt wurden, sank sogar um bis zu 30 Prozent. Insgesamt, schätzen die Forscher, hätten rund 74.000 Malaria-Kranke nicht die nötige Hilfe bekommen, weil sie sich nicht in die Klinik trauten, dort nicht hinkamen oder das Personal vor Ort überlastet war. Damit könnten in dem Land mindestens nochmal so viele Menschen an den Folgen der Malaria sterben, wie bis jetzt an Ebola. Sehr wahrscheinlich sogar mehr.

Für die Studie hat Plucinskis Team die Malaria-Raten Guineas in den Jahren 2013 und 2014 verglichen sowie Umfragen und Interviews in rund 60 Kliniken des Landes geführt. "Die hohe Zahl an ausgewerteten Kliniken und Patientendaten, der Vergleich von Ebola-freien und von Ebola betroffenen Regionen und der Abgleich nationaler Daten mit denen aus der Umfrage festigen die Erkenntnisse", schreiben die Forscher.   

Jürgen May, Epidemiologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, hält die Ergebnisse für realistisch – mit Einschränkungen. "Die Studie ist nicht von Anfang an geplant durchgeführt worden, es ist eine nachträgliche Datenanalyse", sagt er, und solche seien stets anfällig. Außerdem stütze das Team seine Aussage auf die Zahl von Menschen, "die nicht dem Gesundheitssystem zugeführt wurden". Das aber könne zwei Dinge heißen: Es gab in dem Zeitraum schlicht weniger Malaria-Fälle oder die Kranken kamen tatsächlich nicht. "Letzteres wird hier vermutet, und das ist auch wahrscheinlich, weil die Zahl der Erkrankungen in den Ebola-freien Regionen stabil war." Eine Sicherheit gebe es aber nicht.