Den Reisenden fasziniert das fremdartige Ambiente in den Häusern seiner ägyptischen Gastgeber. Berauschen lässt er sich davon nicht. Er analysiert nüchtern, welche Vorkehrungen die Menschen hier treffen, um sich unbeschwert dem Genuss von Cannabis hinzugeben: "Wer im Orient Haschisch konsumiert, um sich der Trunkenheit der Fantasie zu überlassen, verwendet viel Mühe darauf, alles von sich fernzuhalten, was das Delirium zur Melancholie führen und andere als süße und einnehmende Gefühle erregen könnte."

Diese Umsicht sei bitter nötig, schreibt der französische Nervenarzt Jacques-Joseph Moreau 1846 in seinem Buch Vom Haschisch und der mentalen Entfremdung. Denn die Droge habe eine Kehrseite, wie er während mehrjähriger Reisen beobachtete: "In allen Dingen neigt der Geist dann zur Übertreibung: Der kleinste Impuls schafft es meist, ihn dorthin zu ziehen." Im von ihm geleiteten Pariser "Club des Hachichins", dem Künstler und Kreative wie Alexandre Dumas und Charles Baudelaire angehörten, wurden die Studien später im Selbstversuch gewissenhaft fortgesetzt. Vor jedem Diner der Freunde führten sich alle einige Löffelchen einer Paste zu, in die sie Harz der Cannabispflanze gemischt hatten. Der Doktor wachte über die Dosis.

Immerhin waren die Klubmitglieder gestandene Mannsbilder. Ähnlich soll es im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg geregelt werden, wenn es nach der Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann geht. Coffeeshops sollen in Zukunft nur an registrierte Erwachsene begrenzte Mengen Cannabis verkaufen dürfen. So steht es in einem Antrag an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, den Herrmann am 26. Juni unterzeichnete.

Regelmäßige Nutzer schnitten in Gedächtnistests schlechter ab

Gegner einer regulierten Freigabe sind dennoch besorgt. Für Heranwachsende kann das in Haschisch – dem Harz der Blütenstände der Pflanze – und Marihuana – ihren getrockneten Blüten und Blättern – enthaltene Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) gefährlich werden. Vor allem für das reifende Gehirn, wie eine Fülle von Studien zeigt. Der jüngste Beleg dafür wurde im März im Journal Hippocampus veröffentlicht: 97 junge Erwachsene wurden im MRT untersucht, einige von ihnen hatten als Teenager Erfahrungen mit Cannabis gemacht, andere nicht. Bei denjenigen, die mit 16 oder 17 Jahren täglich Marihuana konsumierten, hatte sich die Form des seepferdchenförmigen Hippocampus verändert. Die Hirnstruktur trägt entscheidend dazu bei, dass Erinnerungen gespeichert werden. Tatsächlich schnitten die ehemals regelmäßigen Cannabis-Konsumenten in Gedächtnistests schlechter ab als ihre Altersgenossen. Und das, obwohl sie mindestens zwei Jahre kein Marihuana zu sich genommen hatten. Junge Erwachsene mit der Diagnose Schizophrenie, die als Teenager gekifft hatten, waren in den Tests sogar um ein Viertel schlechter als ebenfalls erkrankte junge Erwachsene ohne diese Vorgeschichte.

Ein strenger Beweis dafür, dass die Droge das Defizit verursacht, ist damit nicht erbracht. Es stellt sich die alte Frage nach Henne und Ei. "Möglicherweise zeigen die auffälligen Hirnstrukturen eine zuvor bestehende Anfälligkeit für Marihuana-Missbrauch an", sagt Studienautor Matthew Smith, Psychiater an der Northwestern-Universität in Chicago. Allerdings war der Hippocampus umso auffälliger, je länger die Drogen Teil des Alltags waren. Das spricht dafür, dass das Kiffen sie verursachte. Die Auswirkungen können ganze Biografien verändern. Wenn Jugendliche bereits kifften, wenn sie noch keine 17 Jahre alt waren, war ihr Risiko, die Schule abzubrechen, um 64 Prozent erhöht. Das zeigt eine im Fachblatt Lancet Psychiatry erschienene Studie des australischen Epidemiologen Edmund Silins aus dem Jahr 2014.

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Während der Pubertät baut sich das Gehirn um – und ist anfällig für Störungen

"Cannabis ist vor allem für Jugendliche nicht harmlos", sagt Derik Hermann von der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. In der Lebensphase der Adoleszenz, in der aus Kindern Erwachsene werden, werden Milliarden von Nervenverbindungen gekappt, neu geknüpft und in effektivere Netzwerke eingebunden. "Während der Pubertät steuern körpereigene Endo-Cannabinoide Reifung und Umbauvorgänge des Gehirns", sagt Hermann. Cannabis störe dieses Feintuning empfindlich. Das könne zu dauerhaften strukturellen Veränderungen im Gehirn führen.

Mittlerweile ist wissenschaftlich gesichert, dass regelmäßiger Cannabis-Konsum das Risiko für eine Psychose um das Zwei- bis Vierfache erhöht. Aber auch hier ist es schwierig, Ursache und Wirkung zu benennen. "Offensichtlich gibt es gemeinsame Risikofaktoren für das Auftreten einer Psychose und für Cannabiskonsum. Zum Beispiel ein psychisches Trauma in der Kindheit oder eine genetische Belastung. Die Häufung von Psychosen in diesem Personenkreis kann also nicht nur durch Cannabinoide erklärt werden, sondern auch durch diese anderen Risikofaktoren", sagt er.