ZEIT ONLINE: Herr Jungaberle, Frau Mortler, ist eine Welt ohne Drogen wünschenswert?

Henrik Jungaberle: Eine drogenfreie Welt ist Unsinn und auch nicht wünschenswert. Menschen nutzen psychoaktive Substanzen seit Jahrtausenden. Alkohol, Ketamine und Opiate haben ihren Nutzen. Stellen Sie sich vor, wir müssten ohne Opiate operieren. Das wäre furchtbar. Verstehen Sie mich nicht falsch: Drogen haben immer auch schädliche Seiten, manche sind aber weniger schädlich als andere. Es ist auch gut, dass stetig neue Stoffe entwickelt werden. Ich hoffe, dass es in 50 Jahren Alternativen zu vielen Substanzen gibt, die weniger Suchtpotenzial und weniger zerstörerische Wirkung auf den Körper haben.

Marlene Mortler: Eine Welt ohne Drogen ist eine Illusion, wenngleich mich die Vision einer drogenfreien Welt begeistert. Ich möchte ein Bewusstsein schaffen für die Themen Drogen und Sucht, besonders auch bei Alkohol. Er ist so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass er viel zu selbstverständlich geworden ist. Hier müssen wir besonders sensibilisieren.

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Reuters
30.000-Mal high

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Der Global Drug Survey ist die größte Umfrage unter Drogennutzern. Ein Drittel aller Befragten kamen aus Deutschland. Wer mitgemacht hat?

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Danny Moloshok/Reuters
Vor allem unsere Leser

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Die Daten sind nicht repräsentativ, aber hilfreich: Wie geht es Ihnen mit Drogen? Das Ziel: Wer weiß, was er tut, lebt ungefährlicher.

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Richtige Antwort. Zwar kommt es bei allen Drogen auf die Dosis an. Crack rangiert aber ganz oben, wenn es um gesundheitliche Schäden für den Einzelnen geht. Es macht abhängig und zerstört Nervenzellen. Wer Koks schnieft, ist auch nicht besser dran: Geschmacks- und Geruchsnerven verkümmern, Gefäße werden geschädigt. Auf Dauer kommen Organschäden hinzu, auch Psychosen sind mögliche Folgen.

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Richtig! So viele Menschen würden ihren Konsum im nächsten Jahr gerne reduzieren. Jeder zehnte Alkoholtrinker konnte übrigens mindestens einmal pro Monat nicht aufhören zu trinken. 13 Prozent bereuen ihr Trinkverhalten regelmäßig.

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ZEIT ONLINE: Der Rausch fasziniert Menschen, egal ob legal oder illegal. Suggeriert wird: Verbotenes ist absolut schädlich, erlaubte Suchtmittel sind in Ordnung. Ist das zeitgemäß, bei mehr als 180.000 Toten jedes Jahr durch Alkohol und Tabak?

Mortler: Ganz gleich ob Alkohol, Tabak oder illegale Drogen: Eine Substanz mag unterschiedliche Risiken mit sich bringen, aber es kommt immer auf das Konsummuster an, auf das Konsummotiv und die Situation. Ich würde da keine Unterscheidung machen. Mir liegen vor allem die jungen Menschen am Herzen. Die entscheidenden Fragen sind: Warum nimmst du überhaupt Drogen? Glaubst du, nur so Lust, Freude und Spaß am Leben haben zu können? Oder kann man all dies nicht auch ohne Drogen erfahren? Deshalb haben wir gerade das Klasse2000-Programm intensiviert. Hier lernen Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse nicht nur, wie sie gesund essen und trinken, sondern auch kritisches Denken und Nein sagen im Umgang mit Drogen. Nachweislich wirkt das. Wer die Chance hat, daran teilzunehmen, ist weniger anfällig, Drogen zu nehmen.

Jungaberle: Als Präventionsforscher ist es mir nicht egal, welche Drogen Menschen nehmen. Es gibt hochgefährliche Substanzen mit Suchtpotenzial, die auch Organschäden verursachen können wie etwa Alkohol. Der Forscher David Nutt hat beim Thema einer rationalen Risikoeinschätzung in den vergangenen Jahren viel bewegt. Zusammen mit Kollegen erstellte er eine Reihenfolge der Schädlichkeit von Drogen. So ist etwa Speed im direkten Vergleich mit Crystal Meth die weniger schädliche Droge. Das heißt natürlich nicht, dass es ungefährlich ist. Drogenpolitik sollten wir auf der Grundlage von Gefährlichkeit und Risikoabschätzung gestalten. Wissenschaftlich und evidenzbasiert. Das passiert aber nicht.

Mortler: Auch die EU-Kommission wollte neue psychoaktive Substanzen nach ihrer Schädlichkeit bewerten. Das ist der falsche Ansatz. Die Stoffe sollten nicht nach "schädlich", "weniger schädlich" oder gar "kein Problem" eingestuft werden. Noch mal: Es kommt auf das Konsummuster an.

Jungaberle: Aber nicht allein. Der Ansatz, Drogen vergleichend zu bewerten, ist richtig. Wir werden es in den nächsten Jahren mit Hunderten von neuen Substanzen zu tun haben. Zudem werden sie leichter zugänglich sein. Wir brauchen eine neue Gesprächskultur und die Botschaft: "Denkt darüber nach, welche positiven und negativen Formen von Rausch es in eurem Leben gibt. Lasst die negativen sein." Das in die Köpfe von Familien zu bekommen, dazu braucht es eine viel größere Offenheit.

ZEIT ONLINE: Kann das nicht auch gefährlich sein?

Mortler: Ja natürlich. So suggerieren wir jungen Menschen, dass es möglich ist, Drogen im Griff zu haben. Viele haben das nicht, weil sie körperlich anfälliger auf Substanzen reagieren als andere. Nicht wenige rutschen in die Abhängigkeit, weil sie geglaubt haben, ihnen könne nichts passieren. Was Sie hier propagieren ist so eine Art Freibrief oder Freibier für alle.

Jungaberle: Ich propagiere gesundheitsförderliche Hinweise des Staates. Wir haben eine Verantwortung für Konsumenten, sie sollten unter den Gefahren das geringste Risiko auswählen können. Das gilt für Alkohol und für andere Substanzen wie Halluzinogene oder Amphetamine. Viele glauben heute, dass illegale Drogen verboten sind, weil sie gefährlicher sind als Alkohol oder Tabak. Das ist falsch. Wenn der Staat nicht in der Lage ist, Gesundheitshinweise zu geben, dann nimmt er in Kauf, dass Bürger die falsche Wahl treffen. Daran sterben Menschen. Wie viele Tote gibt es als Nebenwirkung des Kopfschmerzmittels Aspirin? Wahrscheinlich 2.000 bis 4.000 pro Jahr. Trotzdem nutzen wir dieses Mittel, es ist unverzichtbar geworden, das bestmögliche momentan. Aber ich hoffe, dass es in 20 Jahren ein Medikament gibt, das gut genug ist, um Aspirin vom Markt zu drängen. Ebenso hoffe ich, dass es eine Droge geben wird, die zum Beispiel Crystal Meth verdrängt, weil es eine furchtbare Substanz ist.