Aufnahme von H1N1-Influenza-A-Viren (Stamm A/CA/4/09), Erreger der Influenza-Pandemie 2009 © CDC/ C. S. Goldsmith and A. Balish

Sie nicken mehrmals am Tag ein, bei intensiven Gefühlen versagen ihre Muskeln – Menschen, die Narkolepsie haben, leben einen ungewissen Alltag. Die Schlafkrankheit ist selten, umso auffälliger war es, als sich nach der Schweinegrippe-Pandemie die Fälle weltweit häuften. Der Verdacht: Einer der Grippeimpfstoffe ist schuld, Pandemrix.

Wie das Mittel die Entstehung von Narkolepsie begünstigen kann, haben Forscher nun in einer Studie vorgestellt. Ein bestimmter Virus-Bestandteil des Mittels, ein Protein, führe dazu, dass sich das Immunsystem gegen für das Schlafverhalten wichtige Zellen im Gehirn richtet, schreiben die Forscher um Lawrence Steinman von der Stanford University in Kalifornien. In ihrer Veröffentlichung in Science Translational Medicine legen sie dar, durch welchen Mechanismus das Virus-Protein diesen Effekt auf den Körper ausüben könnte (Ahmed et al., 2015).

Pandemrix war im September 2009 in der Europäischen Union zum Schutz gegen den Virus-Stamm H1N1A/v zugelassen worden. Fast 31 Millionen Menschen wurden während der damaligen Influenza-Welle mit dem vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) hergestellten Mittel geimpft.

Schweinegrippe-Fälle in China lieferten entscheidende Hinweise

Erstmals hatte die schwedische Arzneimittelbehörde im August 2010 über Narkolepsie-Fälle bei Kindern und Jugendlichen nach der Impfung informiert. Weitere Analysen in Finnland, Irland, Frankreich und England stützten anschließend die Vermutung, Pandemrix könne in seltenen Fällen die unheilbare Schlafkrankheit auslösen. Auch in China waren mehr Narkolepsie-Fälle registriert worden. Dort allerdings bei nicht geimpften Menschen, die an Schweinegrippe erkrankt waren. Das lieferte einen ersten Hinweis darauf, dass das Virus selbst Ursache der Erkrankung sein könnte.

Die Wissenschaftler um Steinman haben nun die Zusammensetzung von Pandemrix mit der des Impfstoffs Focetria der Novartis Pharma Schweiz AG verglichen. Auch Focetria war 2009/2010 in Europa eingesetzt worden, hatte die Narkolepsie-Häufigkeit aber nicht erhöht. Dabei stießen sie auf ein Virus-Protein, das in Pandemrix in größeren Mengen enthalten ist und in seiner Struktur sehr stark der Andockstelle – dem Rezeptor – für Hypocretin ähnelt, einem Botenstoff der das Wachsein steuert.

Antikörper attackieren Andockstellen im Gehirn

Darauf aufbauend analysierten die Forscher Blutproben von 20 finnischen Patienten, die nach der Pandemrix-Impfung eine Narkolepsie entwickelt hatten. Sie fanden Antikörper, die nicht nur an das Schweinegrippe-Virus H1N1 binden, sondern auch an den Hypocretin-Rezeptor. Diese Antikörper würden bei Menschen mit bestimmten Erbgutmerkmalen offensichtlich von dem Virus-Protein aktiviert und attackierten dann die Hypocretin-Andockstellen im Gehirn, schreiben die Forscher.

Demnach sei das Risiko, Narkolepsie zu entwickeln, bei einer Schweinegrippe-Erkrankung möglicherweise höher als nach einer Pandemrix-Impfung. Gleichzeitig aber unterstrichen die Ergebnisse, wie wichtig es sei, aus Impfstoffen alle Bestandteile zu entfernen, die vom Immunsystem mit körpereigenen Strukturen verwechselt werden könnten.