Alzheimer, von Mensch zu Mensch übertragbar? Die Nachricht von dieser Möglichkeit löste gestern vielfach Ängste aus. Und das, obwohl nicht wenige Medien sehr deutlich machten: Demenz überträgt sich nicht wie ein Schnupfen. "Oma ist nicht ansteckend."

Heute nun machte der Nationale Gesundheitsservice Großbritanniens(NHS) dem Leiter der Arbeitsgruppe, die ihre Ergebnisse im Magazin Nature veröffentlichte (Jaunmuktane, Collinge, Brander et al., 2015), schwere Vorwürfe: John Collinge, Chef-Neurologe einer großen Londoner Klinik, ist nämlich der Erfinder eines Mittels, mit dem man OP-Besteck so reinigen könnte, dass eine – theoretische – Alzheimer-Übertragung, etwa während eines Eingriffs am Gehirn, verhindert würde. Angeblich vermarkte seine Firma das Mittel bereits. Wollte sich der Forscher also bereichern, indem er mit seiner Veröffentlichung Panik schürte?

Eher nicht. Zwar ist das Mittel tatsächlich von Collinges Abteilung entwickelt worden. Und die Firma des Neurologen besitzt auch ein Patent dafür. Aber: D-Gen Limited, dessen Direktor er ist, und an der er und einer seiner Mitautoren, Jonathan Wadsworth, Anteile besitzen, verkaufte die Lizenz schon vor einigen Jahren an den Chemiekonzern DuPont. Der wollte es zur Marktreife entwickeln, beendete das Projekt aber 2010. 

Das Mittel ist nicht auf dem Markt

Die Mixtur aus Substanzen, die gefährliche Prionen (Erreger von extrem seltenen Leiden wie Creutzfeldt-Jakob) oder eben potenziell übertragbare Alzheimer-Plaques (Amyloid-beta-Proteine, kurz Abeta) inaktivieren könnte, ist also gar nicht einsatzbereit. Fachkollegen berichten zudem, das Mittel sei ohnehin nicht ausreichend wirksam. Prionen können außerordentlich fest auf Metall, etwa OP-Besteck, haften und sind nur schwer unschädlich zu machen. Einfache Desinfektionsmittel reichen dazu nicht.

Collinge hatte in der Nature-Arbeit auch tatsächlich auf den Interessenkonflikt hingewiesen, so wie es das Journal von Wissenschaftlern, die Aktien besitzen, Firmen gegründet haben oder in anderer Form nicht komplett unbefangen forschen, fordert. Dass Collinge Erfinder des Mittels ist, stand dort allerdings nicht.

Die Redaktion von Nature hat inzwischen eine Änderung im Artikel der Autoren vorgenommen, in dem die finanziellen Interessen der Forscher vollständig und korrekt angegeben werde. Eine Sprecherin des Fachblattes erklärte, infolge eines Versehens sei die Erklärung der Autoren nicht aktualisiert worden. Man entschuldige sich für diesen Fehler.

Noch am Dienstag, bei einer Pressekonferenz zu den Einzelheiten und Auswirkungen einer möglichen Alzheimer-Übertragung, hatte Collinge selbst auf die Existenz des Mittels hingewiesen und beklagt, dass es Ärzten in Großbritannien nicht zur Verfügung stehe, um chirurgische Instrumente sicher vor ansteckenden Prionen zu säubern. Damit hat er sicherlich Recht.

An den Ergebnissen ändert der Vorwurf nichts

Noch einmal muss man betonen: In der ganzen Studie geht es nur um einen extrem unwahrscheinlichen Übertragungsweg von Plaques, von denen nicht einmal sicher ist, dass sie Alzheimer auslösen. Konkret hatten die Pathologen die Gehirne acht Verstorbener untersucht, die Creutzfeldt-Jakob hatten. Bei sechs davon fanden sie neben den zu erwartenden Prionen auch für Alzheimer typische Abeta-Eiweiße.

Ihre Schlussfolgerung: Da all diese Menschen als Kinder über verunreinigte Hormonspitzen mit Prionen infiziert wurden – eine Therapie, die so längst nicht mehr gemacht wird – könnten sich auch die Alzheimer-Plaques auf diesem Wege übertragen haben. Ob die an Creutzfeldt-Jakob Verstorbenen je Alzheimer bekommen hätten? Unbekannt. Sie erreichten kein Alter, in dem eine Demenz ausgebrochen wäre.

Die Interpretation der Autopsie-Studie hatten einige Fachkollegen sofort als recht gewagt eingestuft: Die Befunde könnten die Schlussfolgerung nicht stützen, es sei auch Alzheimer übertragen worden.