Bakterien, gegen die jedes Medikament machtlos ist, vermehren sich seit Jahren. Zunehmend stecken sich Menschen weltweit mit multiresistenten Erregern an. Forscher warnen: Wenn die Welt nicht aufhört, unbedacht und massenweise Antibiotika einzusetzen – in der Medizin und der Tierhaltung – werden Bakterien-Infektionen wieder zu unheilbaren Seuchen.

Trotzdem steigt der Antibiotika-Gebrauch weltweit weiter drastisch an, wie ein jetzt veröffentlichter Bericht des CDDEP (Center for Disease Dynamics, Economics and Policy, 2015) verdeutlicht. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Washington D.C. und Neu-Delhi entwickelt globale Strategien, unter anderem zur Seuchenbekämpfung.

Der Bericht stützt sich vor allem auf Daten aus den Jahren 2000 bis 2010: Allein in diesem Zeitraum wurden demnach global 30 Prozent mehr Antibiotika eingesetzt.

Antibiotika nur auf Rezept? Das gilt nicht überall

Vor allem wohlhabende Länder setzen pro Kopf große Mengen Antibiotika ein. Die erstmals vorliegenden Daten aus ärmeren Regionen wie Kenia oder Vietnam zeigen: Der Bedarf steigt. Besonders in Indien und Südafrika hätten zuletzt deutlich mehr Menschen die Mittel genommen, heißt es in dem Report. Viele der Produkte sind in diesen Ländern frei verkäuflich, die sanitäre Versorgung gleichzeitig vielerorts schlecht.

Die Daten basieren auf der Analyse wissenschaftlicher Studien sowie Zahlen nationaler und regionaler Überwachungsprogramme. Ausgewertet wurden die Informationen aus 69 Ländern. Das Ergebnis sind eine umfassende, interaktive Karte und Diagramme, die anschaulich machen, in welchen Ländern zuletzt besonders viele Antibiotika verabreicht wurden.

Auch wird deutlich, welche Bakterien über die Jahre resistent gegen die Medikamente geworden sind. Das heißt: Die Mittel wirken nicht mehr, da sich die Keime an sie gewöhnt haben. Hierfür haben die Forscher die Rate von Antibiotika-Resistenzen für zwölf Typen von Bakterien aus 39 Ländern ausgewertet.

Dabei zeigte sich beispielsweise:

  • Die Zahl an Escherichia-coli-Resistenzen ist hoch und steigt für verschiedene Mittel und zahlreichen Regionen der Welt.
  • Der methicillin-resistente Krankenhauskeim Staphylococcus aureus (MRSA) verbreitet sich rasch in Sub-Sahara-Afrika, Indien und Australien. Auch Lateinamerika ist betroffen, dort sind 90 Prozent der Keime bereits gegen mehrere Mittel immun.

Auffallend sind die regionalen Unterschiede. In Indien beispielsweise waren 57 Prozent des gefährlichen Krankenhauskeims Klebsiella pneumoniae resistent gegen Mittel aus der Gruppe der Carbapeneme. 2008 waren es noch 29 Prozent. In den USA hingegen wirkt es noch immer zu 90 Prozent und in weiten Teilen Europas sogar zu 95 Prozent.

Dass Bakterien mit der Zeit resistent werden, ist ein bekanntes Problem. Viele Länder versuchen deshalb bereits seit Jahren, den zu häufigen und massenweisen Einsatz der Mittel einzuschränken – teilweise mit Erfolg, wie es in dem Bericht heißt. Die Zahl an Infektionen mit MRSA-Keimen in Großbritannien zum Beispiel sei in den vergangenen acht Jahren deutlich gesunken. Andernorts werde die Gefahr widerstandsfähiger Bakterien weiterhin unterschätzt.

Jedes Jahr sterben laut offiziellen Schätzungen in Deutschland zwischen 7.500 und 15.000 Menschen an Krankenhausinfektionen, die überwiegend von multiresistenten Keimen wie MRSA, ESBL-Bildnern oder VRE verursacht wurden. Dies hatten zuletzt auch Recherchen von ZEIT ONLINE, der ZEIT, der Funke Mediengruppe und Correct!v gezeigt.

Laut des CDDEP-Reports lassen sich die Resistenzen in sechs Schritten verhindern. Die meisten sind offensichtlich, wie es auch in einem Kommentar in der Fachzeitschrift Nature heißt. Andere Maßnahmen lesen sich in der Theorie gut, sind aber nur langfristig und schwierig umzusetzen:

  • Der Bedarf an Antibiotika müsse gesenkt werden, indem die Regierungen die Qualität von Wasser, sanitären Anlagen sowie Impfungen verbessern.
  • Das Bewusstsein für die Gefahr müsse geschärft und die Krankenhäuser besser kontrolliert werden.
  • Auch in der Landwirtschaft sollten künftig weniger Mittel eingesetzt werden.
  • Statt Anreize für Überdosierungen zu schaffen, müssen Beschränkungen gefördert werden.
  • Es gilt, Gesundheitswissenschaftler, politische Entscheider und die Bevölkerung über die Risiken umfassend zu informieren.
  • Zuletzt brauche es verpflichtende Regelungen und Gesetze, die den Antibiotikagebrauch regulieren.

So sei es am wichtigsten, die Überdosierung und den Missbrauch von Antibiotika von vornherein zu verhindern. Erst im Mai hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu einen globalen Aktionsplan vorgestellt. "Wir müssen 80 Prozent unserer Ressourcen darauf verwenden", sagte Ramanan Laxminarayan, CDDEP-Direktor und Co-Autor des Berichts. Nur 20 Prozent sollten in die Entwicklung neuer Arzneimittel fließen. Denn: "Ganz egal, wie viele neue Medikamente auf den Markt kommen, wenn wir so weiter machen, ist es so, als seien sie niemals entdeckt worden."