Die Künstliche Befruchtung hat die Familienplanung revolutioniert. Sie ermöglicht es Frauen heute – wenn sie denn gelingt –, in höherem Alter als früher schwanger zu werden, und hilft Paaren, die aus anderen Gründen auf natürlichem Weg kein Kind zeugen können. Jetzt zeichnet sich ein neuer medizinisch vorstellbarer Umweg ab, der eines Tages sogar Frauen ein Kind bescheren könnte, die keine funktionierende Gebärmutter haben.

Ein Spenderorgan soll die Lösung sein; eingepflanzt nur für den Zeitraum der geplanten künstlichen Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt. Britische Chirurgen wollen das jetzt an zehn Frauen wagen. Sie haben dazu die Organisation Womb Transplant UK gegründet, die derzeit Spenden sammelt, um die Eingriffe zu finanzieren. Eine zuständige Ethikkommission am Imperial College London hat die Zulassung erteilt. In Schweden hatte im vergangenen Jahr erstmals eine Frau nach so einem Eingriff ein Baby geboren (The Lancet, Brännströmm et al., 2014). Sie hatte das Spenderorgan von einer 61-jährigen Freundin der Familie erhalten. Das Alter des Organs spielt nach Angabe der Ärzte für den Erfolg der Methode keine Rolle.

Infrage käme dieses Verfahren für Frauen, die ohne eine funktionierende Gebärmutter geboren wurden oder das Organ, etwa wegen einer Krebsdiagnose verloren haben, teilten die britischen Ärzte mit. Auch Frauen, in deren Uterus nach einer Erkrankung kein Fötus mehr heranwachsen kann, wären potenzielle Kandidatinnen.

Die Teilnehmerinnen für die geplante Studie sollen im ersten Halbjahr 2016 ausgewählt werden, kündigten Mediziner um den Gynäkologen Richard Smith vom Queen Charlotte's and Chelsea Krankenhaus in London am Mittwoch an. Die Probandinnen müssten zwischen 25 und 38 Jahre alt und normalgewichtig sein, funktionsfähige Eierstöcke haben und über eigene Eizellen verfügen, die für eine künstliche Befruchtung nach der Transplantation geeignet sind. Nur ein Drittel der 300 Frauen, die an der Studie teilnehmen wollten, erfüllten diese Kriterien überhaupt.

Sie lassen sich auf eine kaum erforschte, riskante und belastende Prozedur ein – mit unklaren Chancen auf Erfolg. Zwölf Monate lang müssen sie nach einer sechsstündigen Operation zum Verpflanzen des Organs Medikamente einnehmen, die eine Abstoßung der Spender-Gebärmutter verhindern sollen, wie der New Scientist berichtet. Zusätzlich bekommen sie Hormonpräparate zur Vorbereitung der künstlichen Befruchtung. Damit die gelingen kann, werden zuvor Eizellen entnommen und eingefroren. Diese werden mit dem Sperma des Partners künstlich befruchtet und schließlich in die Spender-Gebärmutter eingesetzt.

Spenderinnen wären hirntote Frauen

Anders als andere Spenderorgane, wie etwa Herzen, Lebern oder Nieren, ist ein Uterus für Frauen nicht lebenswichtig. Die Transplantation dient in diesen Fällen ausschließlich dazu, ein Kind zu bekommen. Entsprechend würde das Organ nach erfolgreicher Geburt wieder entfernt. 

Die größte Hürde – abgesehen von ethischen Bedenken – dürfte die Beschaffung der Gebärmuttern sein. Lebende Spenderinnen wollen die britischen Ärzte der Operation, anders als in Schweden geschehen, nicht aussetzen. "Die Entnahme sei die größere Operation als das Einpflanzen", sagte Gynäkologe Smith der britischen Zeitung The Guardian

Als Spenderinnen kämen also nur Frauen infrage, die hirntot sind, deren Organe aber durch medizinische Apparate am Leben gehalten werden. Sie müssten zu Lebzeiten eingewilligt haben und ihre Gebärmutter müsste unbeschadet sein. Zu klären wäre rechtlich auch die Frage, ob eine Frau, die einverstanden war, im Todesfall Organe bereitzustellen, um anderen Menschen das Leben zu retten, auch zugestimmt hätte, dass jemand anderes mithilfe ihres Uterus ein Kind bekommt.

Als Standard in Europa eingeführt zu werden, davon ist diese Technik also extrem weit entfernt. Einzelne Staaten müssten prüfen, ob ein solcher Eingriff nach nationalen Gesetzen zulässig wäre – in Deutschland sind Embyronenschutz- und Transplantationsgesetz vergleichsweise streng. Zudem kostet solch eine Operation derzeit pro Frau umgerechnet etwa 70.000 Euro.

Am Ende ein Baby? Unwahrscheinlich

Auch die Versuchsreihe der Briten ist noch nicht finanziert: Bislang sei nur für maximal zwei der Operationen Geld vorhanden, sagte Reproduktionsmediziner Smith. Für alle zehn seien insgesamt 500.000 Pfund (etwa 677.000 Euro) nötig.

Zudem ist völlig offen, welche Erfolgsaussichten die Methode hat. Schon eine künstliche Befruchtung allein führt nur höchstens in einem Drittel der Fälle dazu, dass ein gesundes Baby zur Welt kommt. Paare mit Kinderwunsch müssen fast immer mehrere belastende und teure Behandlungen durchstehen. Mit einer Transplantation käme eine schwere mehrstündige Operation unter Vollnarkose dazu – mit allen Risiken. Die erste jemals versuchte Gebärmuttertransplantation schlug im Jahr 2000 in Saudi-Arabien fehl, auch ein zweiter Versuch in der Türkei 2011 war letztlich nicht erfolgreich, weil die Schwangerschaft in der sechsten Woche endete.

"Kinder kann man nicht erzwingen", sagte Medizinethiker Giovanni Maio dazu einmal im ZEIT ONLINE-Interview. Die Gebärmutter-Transplanteure wollen es versuchen.