Im Juni 2015 stellte die Uniklinik Mannheim ihre neu eröffnete Sterilgutversorgung vor. Hier werden OP-Bestecke gereinigt. Jahrelang war dies unzureichend geschehen. © Wolfram Kastl/dpa

Im bundesweit beispiellosen Hygieneskandal an der Uniklinik Mannheim müssen die Abgründe neu vermessen werden. Jahrelang wurden dreckige und verkeimte Instrumente für Operationen freigegeben. Verantwortliche wussten davon, setzten sich aber über konkrete Hinweise auf Patientengefährdungen hinweg. Ungenügend gereinigte Instrumente blieben bis Oktober 2014 in Umlauf, trotz auffallend vieler Infektionen unter Patienten. Nach einer Strafanzeige drohen ehemaligen und aktuellen Geschäftsführern, Ärztlichen Direktoren und Aufsichtsräten nun Ermittlungen wegen fahrlässiger und vorsätzlicher Körperverletzung.

Der Funke-Mediengruppe liegen interne Unterlagen aus der Uniklinik vor: Protokolle, Berichte, Stellungnahmen, Gesprächsnotizen, E-Mails, Briefe, Fotos, Untersuchungsbefunde, rund 400 Seiten Material. Die Dokumente belegen, dass seit 2002 die Klinikum Mannheim GmbH teils täuschte und vertuschte. Die Akten dokumentieren ein systematisches Hygieneversagen, das in der Klinik teilweise bekannt war. Doch Verantwortliche ließen Mitarbeiter im Stich. Bis zu 350.000 Patienten könnten so mit Instrumenten behandelt worden sein, die ihre Gesundheit gefährden konnten. Die internen Unterlagen verdeutlichen die katastrophalen Mängel am Klinikum.

So endete vermutlich nicht jeder Eingriff so glücklich wie der am 30. Januar 2014: In einem Saal der Neurochirurgie stehen Spezialisten vor einem schweren Job. Der Kopf eines Patienten muss aufgetrennt werden. Doch das OP-Team hält inne: Das Instrument, mit dem der Schädel geöffnet werden soll, ist schmutzig. "Es ist grob mit Geweberesten, offensichtlich von der letzten Operation, verdreckt", berichtet der Chirurg später der Unternehmensleitung. An seine E-Mail hängt er ein Foto. Das Bild zeigt ein verschmiertes, mit Körperfasern gespicktes Gerät. "Es wurde so von meinem OP-Team kurz vor einer Schädelöffnung in einem vermeintlich sterilen Sieb am 30.01.14 vorgefunden", beschwert sich der Chirurg. "Mehr muss ich dazu zunächst sicher nicht sagen." Vielleicht noch dies: Es sei nicht der erste Vorfall dieser Art. Es sollte auch nicht der letzte bleiben.

Verkeimte Bestecke, mit Abwässern geflutete Sterilräume

2013 und 2014 häufen sich Meldungen über Zwischenfälle. Immer wieder tauchen schmutzige, aber zur Operation als steril freigegebene Instrumente auf, immer häufiger gibt es Wundinfektionen, meist im Orthopädisch-Unfallchirurgischen Zentrum (OUZ), wo ein Großteil aller Eingriffe läuft: Tumororthopädie, gelenkerhaltende und arthroskopische Chirurgie, Hand- und Fußchirurgie, Endoprothetik, Kinderorthopädie, Schulter- und Ellenbogenchirurgie, Unfallchirurgie, Wirbelsäulenchirurgie, ambulante OPs und Notaufnahmen bündeln sich hier. "Ein Höchstmaß an Kompetenz" verspricht das OUZ auf der Website der Uniklinik. Doch die Chirurgen müssen mit dem arbeiten, was aus der Zentralsterilisation kommt. Und von da kommt damals nicht viel Gutes.   

Im Fokus stehen vor allem die OP-Siebe. Sie beinhalten das Handwerkszeug der Operateure: alle Messer, Scheren, Haken, Klemmen, Pinzetten, Zangen und sonstigen Instrumente, die für einen geplanten Eingriff nötig sind. Diese Geräte müssen in der Zentralen Sterilgutversorgungsabteilung (ZSVA) nach gesetzlichen Vorgaben gewaschen, desinfiziert, kontrolliert und sterilisiert werden. Das alles muss hygienisch und räumlich getrennt verlaufen, in einem reinen und einem unreinen Bereich, damit Keime nicht übertragen werden können. Wo die Regeln befolgt werden, wird Sterilgut einwandfrei aufbereitet.

Die Hygiene an der Uniklinik Mannheim hingegen habe sich seit 2009 "von einem eher niedrigen Level insgesamt verschlechtert", warnt ein Oberarzt 2013 Klinikchefs und Unternehmensleitung. Es gebe "keine getrennten Räume für reine und unreine Arbeiten", auch "keine Waschmaschine, die Stand der Technik wäre". Der verbreitete Begriff "Vorwäsche" sei "irreführend", denn: "die vermeintlich vorgewaschenen Instrumente" würden ja "nicht mehr endgewaschen". In der Praxis heißt das: "Endoskope gelten danach als sofort wieder am Patienten einsetzbar."

Die Zentralsterilisation hat noch ganz andere Probleme. Am 20. Juni 2013 wird die Herzkammer der Hygiene geflutet. Schmutzwasser aus der Kanalisation überschwemmt den Raum. Die braune Brühe steigt aus einem Gulli hoch, der Prüfer des Regierungspräsidiums Karlsruhe schon 2007 irritiert hatte. Ob er "ein hygienisches Problem darstellt, können wir nicht beurteilen", steht im Begehungsprotokoll von damals. Sechs Jahre später verseuchen nun Abwässer den Sterilbereich. "Durch die Überschwemmung des Raumes" gebe es "teilweise sehr hohe Keimbelastung der Tische", heißt es später im Laborbericht. Neben Schimmelpilzen, Staphylokokken, Mikrokokken und Sporenbildnern nisten auch multiresistente Pseudomonas-Keime auf Tischen, Ablagen und Regalen. Eben dort, wo die Siebe für anstehende OPs gepackt und gelagert werden.