Mehr als jeder zweite Palliativmediziner lehnt den ärztlich assistierten Suizid ab. Das ist ein Ergebnis einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) unter 1.800 Mitgliedern, darunter 800 Ärzte.

Demnach erklärten 56 Prozent der befragten Mediziner, sie würden selbst nicht Beihilfe zum Sterben leisten. Drei Viertel der Ärzte gaben an, sie seien in den vergangenen fünf Jahren von durchschnittlich zehn Patienten um Suizidassistenz gebeten worden. 47 der Befragten, davon 28 Ärzte, erklärten, mindestens einem Menschen Beihilfe zum Sterben geleistet zu haben. Allerdings wird der Studie zufolge sehr Unterschiedliches darunter verstanden – von der Beratung über mögliche Angebote bis hin zur Bereitstellung von Substanzen.

Noch sind nicht alle Daten ausgewertet. Doch der Zeitpunkt der Veröffentlichung war günstig: Der Gesetzgeber will die Beihilfe zur Selbsttötung neu regeln. Dazu findet am Mittwoch eine Expertenanhörung im Rechtsausschuss des Bundestages zu vier Gesetzentwürfen von Parlamentariergruppen statt. Die DGP fordert schon jetzt Nachbesserungen bei dem geplanten Palliativ- und Hospizgesetz. Es würde zu mehr Graubereichen und Unsicherheiten über eine aktive Sterbehilfe bei Ärzten und Pflegepersonal führen, sagte DGP-Präsident Lukas Radbruch: "Wir glauben nicht, dass eine gesetzliche Regelung hier Hilfe bietet."

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, bewertet den von den Abgeordneten Michael Brand (CDU) und Kerstin Griese (SPD) vorgelegten Gesetzesentwurf "Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung" als "eine dringend notwendige und ebenso maßvolle Weiterentwicklung des geltenden Rechts". Den Entwurf der SPD-Politikerin Carola Reimann und Peter Hintze von der CDU lehnte Glück dagegen ab. Dieser will ärztlich assistierten Suizid ausdrücklich ermöglichen. Auch die Grünen und die Linke wollen Entwürfe vorlegen. Diese beinhalten Vorschläge für gemeinnützige Suizidbeihilfe-Vereine. 

Ein grundsätzliches Verbot des assistierten Suizids sei ebenso falsch wie eine Normalisierung, sagte DGP-Präsident Radbruch. Für knapp 60 Prozent aller in der Studie Befragten gehört die Beihilfe nicht "zum Grundverständnis der Palliativmedizin", die sich um die Betreuung Schwerstkranker sorgt. "Töten kann keine ärztliche Aufgabe sein", sagte auch der ehemalige DGP-Präsident Friedemann Nauck. Die Vize-Vorsitzende der DGP, Maria Wasner, sagt, dass beim Sterbewunsch zunehmend existenzielle Probleme im Vordergrund stünden. Viele Menschen hätten Angst, anderen Menschen zur Last zu fallen und die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren.  

Straffreiheit hat sich bewährt

Nach Ansicht des Vorstands der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, hat sich die grundsätzliche Straffreiheit der Suizidbeihilfe jedoch bewährt: "Wenn ein naher Verwandter seinem Angehörigen aus Gewissensgründen beim Suizid hilft, müssen dies Staat und Gesellschaft akzeptieren." Eine solidarische Gesellschaft müsse jedoch eingreifen, wenn der Suizid eines Menschen organisiert gefördert werde. Solche Fälle geschäftsmäßiger Suizidbeihilfe gebe es seit Jahren. "Der Tod aus den Gelben Seiten drängt Menschen zum Suizid – besonders Depressive, Schwerstkranke, Pflegebedürftige und Lebenssatte. Die Sogwirkung wird zunehmen", sagte Brysch.

Die Sitzung am Mittwoch wird daher mit Spannung erwartet. Auch, weil die unterbreiteten Vorschläge stark voneinander abweichen: Sie reichen von einer liberalen Regelung insbesondere für Ärzte bis zu einem Verbot der Suizidbeihilfe. Über die Neuregelung soll ohne Fraktionszwang im November entschieden werden .