Viren haben etwas von Parasiten. Sie brauchen fremde Zellen, um sich zu vermehren, entern und zerstören sie. Könnte man sie nicht gezielt auf fehlgesteuerte Tumorzellen loslassen? Kann man. Dazu muss man nur verhindern, dass sie dabei die typischen Krankheiten auslösen, für die Viren bekannt sind. Indem man sie gentechnisch unschädlich macht, ist so etwas heute möglich.

Krebszellen mit Viren bekämpfen – erforscht wird das schon lange. Nach klinischen Studien hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA nun zum ersten Mal eine Tumortherapie auf Virenbasis (Virotherapie) zugelassen: Erwachsene Patienten mit fortgeschrittenem Hautkrebs können in den USA also künftig mit dem genetisch veränderten Virus T-VEC behandelt werden; Imlygic heißt das Mittel. Europa wird der Entscheidung wohl folgen.

Die neue Behandlungsmethode macht sich das aggressive Verhalten von Krankheitserregern zunutze: Viele Viren infizieren bevorzugt Krebszellen, vermehren sich in deren Innerem und zerstören sie letztlich innerhalb von Stunden oder Tagen. Das setzt neue Viren frei, die weitere Tumorzellen befallen. Binnen kurzer Zeit lösen sich somit geschädigte Zellen auf, der Körper heilt.

Das Virus wird ins Melanom gespritzt

Im Fall des Mittels Imlygic handelt sich um das Herpes-simplex-Virus. Es führt normalerweise zu einem Lippen- oder Genitalherpes, wurde aber von Forschern im Labor so verändert, dass es die Erkrankung nicht mehr auslöst. Stattdessen zerstört es Hautkrebszellen, sobald es direkt in das Melanom, den bösartigen Tumor, gegeben wird. Auf die erste Injektion folgt drei Wochen später eine zweite. Die folgenden sechs Monate muss das Virus alle zwei Wochen gegeben werden.

Melanome sind die aggressivste Form von Hautkrebs und die Haupttodesursache. Ultraviolettes Licht und ungeschützte Sonneneinstrahlung erhöhen das Risiko, daran zu erkranken, am stärksten. Im Jahr 2012 diagnostizierten Ärzte mehr als 100.000 Fälle in Europa, nach Angaben der europäischen Arzneimittelbehörde EMA sind rund 22.000 Menschen an den Folgen gestorben, in Deutschland etwa 2.500.

Werden Melanome früh festgestellt und in einer Operation entfernt, stehen die Überlebenschancen gut. Bei Patienten, deren Krebs sich bereits im Körper ausgebreitet hat, ist die Situation schwieriger. Jahrzehntelang konnten Ärzte diese Menschen nur noch mit einer aggressiven Chemotherapie behandeln. Seit rund drei Jahren gibt es weitere Möglichkeiten wie Immuntherapien. Noch immer aber fehlt es an sicheren, erfolgreichen Behandlungen – Virotherapien, wie jetzt Imlygic, sind der neuste Ansatz.

Die Therapie der kalifornischen Pharmafirma Amgen hat die FDA erst kürzlich überzeugt. So basiert die Zulassung vor allem auf der Phase-III-Studie OPTiM, deren Daten Forscher im Mai veröffentlicht hatten (Andbacka et al., 2015). 436 Patienten mit schwarzem Hautkrebs in Stadium III oder IV hatten daran teilgenommen. Die Melanome dieser Menschen hatten schon Metastasen gebildet und waren nicht mehr operabel. Über mehrere Monate wurde ihnen das genmodifizierte Herpes-simplex-Virus injiziert. Das Ergebnis: Das Virus ließ bei 16,3 Prozent der Studienteilnehmer die bösartigen Wucherungen schrumpfen – für mindestens sechs Monate – im Vergleich zu 2,1 Prozent der Krontrollgruppe. Ob die Therapie die Überlebenszeit maßgeblich verlängert, ging nach Meinung von Experten allerdings nicht aus den Tests hervor.

Als häufigste Nebenwirkungen der Behandlung traten Schüttelfrost, Fieber, Schmerzen an der Injektionsstelle, Übelkeit, grippeähnliche Symptome und Müdigkeit auf. In manchen Fällen zeigten sich Zellulitis und Fieber, und bei einigen Patienten verschlimmerte sich der Hautkrebs sogar nach den Viren-Spritzen.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte sich nur wenige Tage zuvor für die Zulassung ausgesprochen. Es liegt nun bei der Europäischen Kommission, sie zu erteilen.