Paul Schmitz ist 51 Jahre alt, als er in die Wechseljahre kommt. Schmitz ist groß, kräftig gebaut, trägt den Schnäuzer perfekt gezwirbelt. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet der Bohrwerkdreher bei Ford in Köln-Niehl. Bei seinem Karnevalsverein ist er der Regimentskoch. Ab und zu eine Erkältung, ein bisschen Bluthochdruck, ein bisschen Schilddrüse – im Leben von Schmitz waren Krankheiten kein Thema. Bis zu dem Tag, an dem er den Knoten in seiner Brust entdeckte.

Und jetzt ist er in den Wechseljahren. Hitzewallungen lassen ihn schwitzen. Seine Laune ist unberechenbar, seine Gelenke schmerzen, es gibt Potenzstörungen. Die Tabletten, die er jeden Tag nehmen muss, sind für Frauen entwickelt worden. Was sie mit einem Mann machen, weiß niemand genau. Denn Brustkrebs haben normalerweise Frauen.

Ein Jahr zurück: Schmitz sitzt am PC und tippt auf der Tastatur herum. Nur kurz greift er sich an die Brust. Vielleicht, weil er sich kratzen möchte, vielleicht auch einfach in Gedanken, heute kann er das nicht mehr genau sagen. Doch da bemerkt er den Knoten. Schmitz, der immer schon allergisch auf Insektenstiche reagiert hat, sucht im Spiegel nach der Einstichstelle. Auch seine Frau Andrea sieht keinen Einstich, aber den Knoten. Schmitz will sich im Internet schlaumachen. Er gibt "Knoten in der Brust" ein und "Mann".

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Knoten in den Brüsten von Männern kommen vor, antwortet das Internet, wenn auch sehr selten. Schmitz wird nervös. Was soll er machen? Zur Hausärztin gehen? Eigentlich ein Fall für den Frauenarzt. Nein, das geht doch nicht.

Dienstag, 30. Juli, Wartezimmer Strahleninstitut. Paul Schmitz hat schnell einen Termin bekommen. "Frau Schmitz, bitte", kommt es aus dem Lautsprecher. Herr Schmitz bleibt sitzen. Gibt bestimmt noch jemanden hier, der so heißt. Schmitz, so heißt jeder Zweite. Alle bleiben sitzen. Frau Schmitz also. Er steht auf, denn sonst macht es ja niemand, und als er aus dem Warteraum tritt, guckt die Sprechstundenhilfe hoch und fragt: "Und wo ist Ihre Frau?"

Einen Mann mit einem Brusttumor hatte sie noch nie

Stanzbiopsie, Gewebeentnahme, Blutuntersuchung – das Standardprogramm beim Verdacht auf Brustkrebs. Nach den Untersuchungen tritt Paul Schmitz nach draußen. Zwei Zentimeter groß war der Fleck, den er auf den Bildern gesehen hat, die ihm die Ärzte gezeigt haben. Zwei Zentimeter, die seine Welt auf den Kopf stellen. Die Autos rasen an ihm vorbei und er überlegt, ob er nicht einfach auf die Straße laufen soll. Stattdessen ruft er seine Frau an und beginnt zu weinen.

Die Geschichte über einen Mann mit Brustkrebs beginnt hier. Im Netz hat er gelesen, dass nur ein paar Hundert Männer jährlich in Deutschland an Brustkrebs erkranken. Das ist nichts im Gegensatz zu den über 70.000 Frauen. Schmitz macht sich Mut. Noch gibt es keine Diagnose. Noch bleibt etwas Hoffnung. Statt nach Hause zu fahren, geht er zur Arbeit.

Am Freitag ruft die Hausärztin an. Nein, eine Diagnose ist noch nicht da, aber er solle doch bitte mal in die Praxis kommen. Als Schmitz dort ankommt, fragt ihn die Ärztin, ob er ein Wasser möchte. Das hat sie ihm noch nie angeboten. Dann sagt die Ärztin: "Sie haben Brustkrebs." Also ist sie doch da, die Diagnose. Die Ärztin möchte einen Termin mit dem Krankenhaus vermitteln, einen Mann mit einem Tumor in der Brust – das hatte sie noch nie.