Unter Beschuss von Handfeuerwaffen und Granaten sind sie geflohen, teils hungernd und ohne ausreichend Wasser. Viele haben im Heimatland oder auf der Flucht Familienmitglieder verloren. Nicht nur körperlich sind diese Menschen gezeichnet. Studien zeigen seit Längerem: Mindestens die Hälfte derer, die es bis nach Deutschland schaffen, ist psychisch krank. Neue Untersuchungen bestätigen jetzt diese hohe Quote.

Diese Flüchtlinge bräuchten mehr als einen Schlafplatz, Nahrung und Hilfe beim Asylantrag. Um erlebte Traumata zu verarbeiten und schwere Folgeerkrankungen zu verhindern, müssten sie eine Psychotherapie bekommen. Doch das deutsche Gesundheitssystem ist darauf nicht vorbereitet. Es fehlt an nahezu allem: Psychotherapeuten und Dolmetscher, Geld und Organisation.

Im Jahr 2014 suchten mehr als 200.000 Menschen Asyl in Deutschland. Konservativen Prognosen zufolge werden es bis Ende des Jahres mindestens 800.000 weitere sein, von bis zu einer Million zusätzlichen Flüchtlingen ist gar die Rede. "Das bedeutet, es kommen Hunderttausende, deren Psyche schwere Schäden davon getragen hat", sagt Enrico Ullmann, der als Arzt für Pädiatrie und Jugendpsychiatrie unter anderem in der Flüchtlingsambulanz Dresden Flüchtlinge medizinisch betreut.

In seiner Heimatstadt leben derzeit rund 2.000 Menschen aus Syrien, dem Irak, Eritrea und umliegenden Staaten. Zuallererst kümmert er sich um ihre körperlichen Beschwerden wie offene Wunden an den Füßen oder Infektionen, Folgen der monatelangen Wanderungen. Seit Mitte August hat sein Team die Versorgung um einen wesentlichen Punkt erweitert: Pro Woche bieten Ullmann und seine Kollegen sechs Stunden psychiatrische Hilfe an. Ärzte der Uniklinik, der Flüchtlingsambulanz und der städtischen Häuser arbeiten hier zusammen.

Mindestens die Hälfte der Flüchtlinge ist psychisch krank

Das war überfällig, wie eine jetzt veröffentlichte Erstauswertung zeigt. Bei der Hälfte seiner Patienten hat Ullmanns Team eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert, andere hatten Anpassungsstörungen oder eine weitere psychische Erkrankung (Molecular Psychiatry, 2015).

Was der Dresdner an gerade mal 23 Patienten festgestellt hat, ist beispielhaft für das gesamte Land, meint der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK): "Mindestens die Hälfte der Flüchtlinge in Deutschland ist psychisch krank", sagt Dietrich Munz. Diese litten meist an einer PTBS oder an einer Depression, oft käme beides zusammen. Auch Kinder seien häufig betroffen. "Jedes fünfte ist an einer PTBS erkrankt", sagt er. Damit sind Flüchtlingskinder fünfzehnmal häufiger betroffen als in Deutschland geborene. Die Grundlage auch für diese Zahlen lieferten mehrere Studien der vergangenen Jahre, wie ein Überblick der BPtK zeigt.

Diese Menschen können sich nur schwer in Deutschland eine Existenz aufbauen, solange es nicht gelingt, das Trauma zu verarbeiten.
Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer


Am Alltag teilnehmen? Einem geregelten Job nachgehen? Sich in die Gesellschaft einfügen? "Wer an einer schweren psychischen Krankheit leidet, kann das nicht", sagt Munz. "Diese Menschen können sich nur schwer in Deutschland eine Existenz aufbauen, solange es nicht gelingt, das Trauma zu verarbeiten." Bleibt eine Therapie aus, wird die Krankheit schlimmstenfalls chronisch.

Und nicht nur das: Die Ängste können über drei Generationen hinweg weitergegeben werden (E. Ullmann et al. 2013; R. Yehuda et al., 2015). "Wer meint, es gehe hier um Sonderbehandlungen für Einzelne, verkennt die Situation", sagt Munz. Deutschland sei in der Pflicht, den Menschen zu helfen. "Nicht nur, weil es die EU-Richtlinien vorsehen, sondern weil wir als Psychotherapeuten und Ärzte auch eine moralische Verantwortung tragen."

Am schlimmsten sei es um die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge bestellt, sagt Jugendarzt Ullmann. 10.000 gab es Schätzungen zufolge schon 2014 in Deutschland, in diesem Jahr dürfte die Zahl weit darüber liegen. Allein unterwegs sind sie häufig gefährlichen Situationen und Übergriffen ausgesetzt. "Hier angekommen werden sie dann in Obhut genommen und bekommen die vorgeschriebene Untersuchung des Gesundheitsamts – wie es ihnen emotional geht, wird da aber nicht erfasst." Danach seien sie ohne Eltern sich selbst überlassen. "Es wäre dringend nötig, ihnen psychotherapeutische Hilfe aktiv anzubieten. In meine Sprechstunde hat es bisher jedenfalls noch kein Jugendlicher, der als Flüchtling hier lebt, geschafft", sagt Ullmann. Dabei seien seine Mitarbeiter für viele zurzeit die einzigen möglichen Bezugspersonen in diesem Land.

An dieser Stelle droht die Betreuung also zu scheitern, bevor sie wirklich begonnen hat. "Krieg, Gewalt, Verfolgung und Ablehnung sind es, die diese Menschen zur Flucht getrieben haben", sagt Ullmann. "Unsere Arbeit sollte also eigentlich damit beginnen, den Menschen eine sichere Umgebung zu bieten, ihnen ein Gefühl von Angekommensein zu vermitteln." Aber tumultartige Szenen wie vor dem Lageso in Berlin, Brandanschläge auf Asylbewerberheime, Protestmärsche und Hetze würden wieder und wieder in diese seelischen Kerben schlagen. "Die Menschen können einfach keine Ruhe finden."