Auf dieses Gutachten haben alle gewartet: Wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) am Donnerstag bekannt gab, hält sie den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat für "wahrscheinlich nicht krebserregend". Die entscheidende Frage ist nun: Was folgt daraus?

Der Efsa-Bericht gilt als Grundlage für die Entscheidung, ob Glyphosat in der Europäischen Union erneut zugelassen wird. Dass Landwirte das Mittel auch künftig großflächig einsetzen, ist mit der Einschätzung deutlich wahrscheinlicher geworden. Doch die Behörde widerspricht mit ihrem Gutachten einem Urteil der unabhängigen Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) – und ignoriert eine aktuelle Debatte um die Glaubwürdigkeit der offiziellen Prüfbehörde.

Glyphosat gehört zur Gruppe der Phosphonate und tötet Unkraut auf Feldern mit Raps, Mais und anderen Nutzpflanzen. Die Chemikalie wird daher großflächig in der deutschen Landwirtschaft sowie im Gartenbau gegen unerwünschte Wildpflanzen eingesetzt. Es ist ein Milliardengeschäft.

Prüfer streiten, welche Studien relevant sind

Da die Zulassung für Europa im Jahr 2015 regulär ausgelaufen wäre, mussten Risiken und Nutzen des Stoffs erneut eingeschätzt werden, so schreibt es das EU-Recht vor. Mit der Prüfung offiziell beauftragt wurde das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Deutschland. Dieses kam nach einer ersten Studienauswertung im April 2015 zu dem Schluss, Glyphosat sei bei korrekter Anwendung nicht gesundheitsschädlich.  

Kurz vor der BfR-Veröffentlichung jedoch hatte die IARC im März verlauten lassen: Glyphosat ist "wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen". Eine erneute Prüfung seitens des BfR war die Folge. Das Resultat deckte sich auf den ersten Blick mit dem vorherigen: Bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft sei kein krebserzeugendes oder ein anderes gesundheitliches Risiko für den Menschen zu erwarten.

Doch das BfR räumte ein: Man sei zu dem Urteil gekommen, weil es nur den reinen Wirkstoff bewerten durfte und nicht das, was tatsächlich auf den Äckern im Alltag landet. Gewisse Studien habe man daher ausschließen müssen – den einzelnen EU-Staaten empfehle man jedoch, sie zur Kenntnis zu nehmen. Letztlich widersprach das BfR im Kern der Einschätzung der IARC nicht mehr.

Diese Botschaft scheint bei der Efsa allerdings nicht angekommen zu sein. Auch thematisiert sie nicht, dass das BfR eingeräumt hat, Hinweise auf Krebs in Tierversuchen mit Mäusen nicht erkannt zu haben. Die deutschen Prüfer verließen sich offenbar zu sehr auf Angaben der Industrie, wie Recherchen von MDR und Süddeutscher Zeitung Ende Oktober zeigten. Ein lange Zeit geheim gehaltener Bericht an die Efsa ist der Beweis.

Statt sich damit auseinanderzusetzen, hat die Behörde am Donnerstag die IARC indirekt angegriffen: Zum einen habe sie nicht nur Glyphosat allein, sondern auch in Zusammensetzungen mit anderen Stoffen bewertet und die Ergebnisse davon in das Gesamturteil einfließen lassen. Darüber hinaus berücksichtige die Efsa "mehr wissenschaftliche Erkenntnisse" als die IARC. "Den Schlussfolgerungen des Berichts zufolge ist es unwahrscheinlich, dass Glyphosat eine krebserregende Gefahr für den Menschen darstellt", heißt es deshalb.

Giftigkeit neu definieren

Abgesehen davon fordert die Efsa, die Giftigkeit von Glyphosat neu zu definieren. In dem Zusammenhang schlägt sie einen Grenzwert für die Aufnahme pro Kilogramm Körpergewicht täglich vor. Dieser soll bei 0,5 Milligramm liegen, mehr als doppelt so hoch wie vorher.

Ursprünglich wollte die Behörde ihre Empfehlung bis 13. August abgeben, wegen des IARC-Berichts war die Entscheidung vertagt worden. "Wir freuen uns, dass die beteiligten Bewertungsbehörden sich die nötige Zeit nehmen konnten, um den Wirkstoff Glyphosat umfänglich neu zu bewerten", sagt Ursula Lüttmer-Ouazane, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, zu der beispielsweise der Agrarkonzern Monsanto Europe gehört. Man sehe sich durch das Ergebnis erneut bestätigt. "Wir gehen davon aus, dass nunmehr eine faktenbasierte Debatte die bisherigen, teilweise ideologischen und unsachlichen Kampagnen ablöst."

Urteil bedient "die Interessen der chemischen Industrie"

Das Umweltinstitut München hingegen hält die Einschätzung der Efsa für "unverantwortlich", wie die Referentin für Gentechnik und Verbraucherschutz, Sophia Guttenberger, sagt. "Besteht der begründete Verdacht, dass ein Stoff krebserregend ist und die Fruchtbarkeit schädigt, muss er sofort aus dem Verkehr gezogen werden." Anstatt die Verbraucher zu schützen, würden einseitig die Interessen der chemischen Industrie bedient.

"Die EU-Behörde hätte die inzwischen umfangreiche, detaillierte und berechtigte Kritik am BfR-Glyphosat-Bericht aufgreifen müssen", sagt Harald Ebner, Pestizid-Experte der Grünen Bundestagsfraktion. Vor dem Hintergrund sei vollkommen unbegreiflich, warum die Efsa in der aktuellen Situation auch noch vorschlägt, die zulässige tägliche Glyphosat-Aufnahmemenge um zwei Drittel zu erhöhen. "Jetzt ist es an den EU-Mitgliedsstaaten, allen voran an der deutschen Bundesregierung, die den mangelhaften Glyphosat-Risikobericht zu verantworten hat, die Empfehlung als untauglich zurückweisen und eine gründliche Neubearbeitung zu fordern."

In den kommenden Monaten muss die EU-Kommission zusammen mit den EU-Mitgliedstaaten über die Neuzulassung von Glyphosat für die kommenden zehn Jahre entscheiden. Derzeit ist Glyphosat noch bis Mitte 2016 erlaubt. Die unklare Studienlage hatte zu einer verlängerten Zulassung geführt.