Sexuelle Befreiung, Selbstverwirklichung, Geburtenknick – als die Antibabypille vor 50 Jahren zugelassen wurde, konnte niemand die gesellschaftlichen Folgen des Verhütungsmittels absehen. Seither ist auch nie absolut klar gewesen, welche gesundheitlichen Risiken die Pille für Millionen Frauen weltweit haben könnte. Das ist es in seltenen Fällen bis heute nicht.

Erstmals beschäftigt sich nun ein deutsches Gericht mit einer möglichen Gefahr durch die Antibabypille, speziell das Mittel Yasminelle. So verhandelt das Landgericht im baden-württembergischen Waldshut-Tiengen von diesem Donnerstag an die Klage einer Frau gegen den Arzneimittelkonzern Bayer, der die Pille vertreibt. Und sie für weitestgehend ungefährlich hält.

Die Nebenwirkungen der Antibabypille diskutieren Ärzte und Krankenkassen seit Langem. Welche Produkte gelten als riskant? Warum? Und worauf sollten Frauen achten, die sich für die Pille als Verhütungsmittel entscheiden? ZEIT ONLINE gibt einen Überblick über den aktuellen Prozess gegen Bayer und die bekannten Gefahren der Pille.

Fast gestorben, wegen unbekannter Nebenwirkungen?

Die 31 Jahre alte Felicitas Rohrer klagt gegen den Hersteller der Pille Yasminelle. Sie fordert rund 200.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld von Bayer. Die Pille mit dem Wirkstoff Drospirenon soll für ihre gesundheitlichen Probleme verantwortlich sein. Schließlich erhöhe sie das Risiko einer Thrombose, also von gefährlichen Blutgerinnseln.

Nach der Einnahme der Pille habe Rohrer im Juni 2009 eine lebensbedrohliche Lungenembolie erlitten, ausgelöst durch eine Thrombose. Sie sei daran fast gestorben, sagt Rohrer. Nur dank einer Notoperation sei sie gerettet worden. Sie habe bis heute Folgeschäden. Die Pille habe ihr Leben zerstört: Sie sei körperlich dauerhaft eingeschränkt und könne wohl keine Kinder mehr bekommen.

Deshalb kämpft Rohrer gegen Bayer und die möglicherweise gefährliche Pille. Sie will, dass der Konzern das Mittel vom Markt nimmt. Die Verantwortlichen würden nicht auf die riskanten Nebenwirkungen aufmerksam machen und damit Menschenleben gefährden. 

Der vorsitzende Richter im Verfahren, Johannes Daun, rechnet mit einem langen Rechtsstreit. Der Prozess könne Jahre dauern, das Gericht betrete "Neuland". Man wolle daher mindestens zwei Sachverständige bestellen – nach dem Jahreswechsel. Dann wird der Prozess fortgesetzt, wie Daun am Donnerstag bekannt gegeben hat. Der Versuch, eine außergerichtliche Einigung herbeizuführen, sei gescheitert. Beide Seiten beharrten in wesentlichen Fragen auf ihren Positionen.

Yasminelle ist riskant, darf aber noch verschrieben werden

Im März 2014 gab das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn bekannt, dass von einigen Antibabypillen tatsächlich ein erhöhtes Thromboserisiko ausgehe. Wie hoch das Risiko ist, hängt von den in der Pille enthaltenen Wirkstoffen ab.

Seitdem die Antibabypille 1961 auf den deutschen Markt kam, ist sie stetig weiterentwickelt worden. Heute lassen sich die Präparate in vier Generationen einteilen:

  • 1. Generation: Hier sind vor allem Norethisteron und Lynestrenol enthalten.
  • 2. Generation: Der Stoff Levonorgestrel ist Hauptbestandteil der Pille.
  • 3. Generation, zum Beispiel auch Yaz und Yasmin (ebenfalls Pillen von Bayer): Gestoden, Desogestrel, Norgestimat und Etonorgestrel sind die gängigen Wirkstoffe.
  • 4. Generation, etwa Yasminelle: Drospirenon, Cyproteron, Chlormadinon, Dienogest, Nomegestrol

Die Pillen der neusten Generation sind besonders umstritten. Vom Markt genommen werden müssen sie nach Einschätzung des Bundesinstitutes nach jetzigem Kenntnisstand zwar nicht. Gleichzeitig aber ordnete das BfArM neue Studien an und hat die klare Empfehlung ausgesprochen, das Thromboserisiko vor allem bei jungen Erstanwenderinnen zu berücksichtigen. Sie sollten vorzugsweise mit der zweiten Generation starten.

Dem pflichtet die Techniker Krankenkasse (TK) in ihrem Anfang September 2015 veröffentlichten Pillenreport bei. In dem Bericht weisen die Autoren darauf hin, dass Präparate der dritten und vierten Generation häufig ein wesentlich größeres Thromboserisiko haben als Pillen der zweiten Generation.

Dennoch werden die riskanteren Pillen häufiger verschrieben. Auch die Kasse rät, Pillen der früheren Generationen zu verwenden. Diese schützen genauso gut vor ungewollter Schwangerschaft, haben laut TK aber ein geringeres Thromboserisiko.