Wer sich bei Florian Weck in Therapie begibt, braucht bequeme Schuhe. Denn die Patienten des Mainzer Psychotherapeuten unternehmen manchmal Spaziergänge – als Teil der Therapie. "Sie lernen dabei, ihre Umgebung intensiver wahrzunehmen", sagt Weck. Das heißt: den Wind auf der Haut, die Geräusche der Stadt, den Geruch eines Waldes. All das, was um sie herum geschieht, soll ihre Aufmerksamkeit ablenken – von dem, was sich in ihrem Inneren abspielt. Denn von dort droht nur Ungemach: Jedes Ziepen, das sie im Körper vernehmen, ängstigt sie. Die Patienten von Florian Weck sind Hypochonder.

An Menschen wie ihnen kann man sehen, was es bedeutet, wenn Innen- und Außenwahrnehmung aus dem Gleichgewicht geraten. Wer immerzu argwöhnisch in sich hineinhorcht, der findet dort auch ständig etwas, das Anlass zur Sorge gibt. Angst ist dabei ein entscheidender Faktor, sie schärft die Wahrnehmung für vermeintliche Gefahr. Doch: "Dieses in sich Hineinhorchen ist trügerisch", sagt Weck. Viele Patienten glaubten, Krankheiten intuitiv erkennen zu können. "Aber das ist fragwürdig, denn viele Erkrankungen laufen symptomfrei ab." 

Es ist paradox: Auf der einen Seite spüren wir allerhand Wehwechen – ein Stechen im Schienbein, ein Zucken am Augenlid, ein Drücken in der Magengegend. Solche Befindlichkeiten sind meist harmlos, aber unangenehm genug, dass man sie nicht immer ausblenden kann. Auf der anderen Seite können dagegen schwere Krankheiten wie Krebs völlig unbemerkt voranschreiten. Auch hoher Blutdruck gilt manchen Medizinern als "stummer Killer", weil die Betroffenen ihn ohne Messung oft jahrelang, mitunter jahrzehntelang nicht bemerken. Ein immenses Risiko, das der Körper uns da zumutet. Was kann man überhaupt verlässlich erspüren?

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Im Grunde bekommen wir erstaunlich wenig mit von all dem, was sich im Körper abspielt. Die sogenannte Interozeption ist für einige Prozesse nicht besonders ausgeprägt: Was in Eingeweiden, Blutgefäßen oder Organen vorgeht, bleibt uns oft verborgen. Die meisten Menschen merken nicht einmal, dass ihr Herz schlägt, es sei denn, sie sind gerade eine Treppe hochgerannt oder haben sich fast zu Tode erschreckt. Nur 10 bis 20 Prozent der Menschen spüren im Ruhezustand ihren Herzschlag so genau, dass sie mitzählen können.

Der biologische Psychologe Rainer Schandry von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat das Phänomen der Herzwahrnehmung untersucht. Woran es liegt, dass manche Menschen sensibler sind als andere, ist noch ungeklärt. Nachgewiesen hat Schandry aber eine Auswirkung auf das Verhalten, etwa bei sportlicher Belastung: Gute Herzwahrnehmer gehen nicht bis zum Äußersten, sie rackern sich nicht ab, sondern hören früher auf als andere. Das ergab ein Versuch auf Fahrradergometern. "Vielleicht sind sie vorsichtiger, vielleicht fragen sie sich aber auch einfach eher: Warum soll ich mich hier so anstrengen?", sagt Schandry. Interessanterweise fand er keinen Beleg dafür, dass Hypochonder besonders gut darin sind, ihren Herzschlag zu spüren. "Sie glauben es bloß", meint Schandry. Damit sind sie allerdings nicht allein: "Die Menschen haben generell oft völlig falsche Vorstellungen davon, wie gut sie ihren Körper kennen und wahrnehmen."

Manches drückt auch grundlos

Hinzu kommt ein weiteres Phänomen: die Überzeugung, dass Beschwerden stets eine Bedeutung haben. Dass sich im Körper auch mal einfach so etwas unangenehm anfühlen kann, fällt uns Menschen – nicht nur Hypochondern – schwer zu akzeptieren. "Wir haben ein unglaublich hohes Erklärungsbedürfnis", sagt Winfried Rief, Psychologe an der Universität Marburg. "Symptome haben Ursachen und denen muss man auf den Grund gehen ­– das suggeriert ja gerade die Medizin, und die Medien verstärken diesen Eindruck noch." Wir wollen wissen, woher ein Ziepen oder Drücken kommt, was dieses ominöse Zucken zu bedeuten hat. "Es fällt uns schwer zu tolerieren, dass manche Empfindungen einfach da sind, ohne einen tieferen Grund", sagt Rief. Dabei seien die meisten körperlichen Beschwerden keine Anzeichen von Erkrankungen, sondern bloß Ausdruck normaler physiologischer Prozesse.