Für Deutschlands Kranke gilt derzeit: alles oder nichts. Wer eine schwere Erkältung hat, lässt sich krankschreiben und bleibt zu Hause oder schleppt sich mit Schnupfen und Kopfschmerzen ins Büro. Allein nach einer Langzeiterkrankung ist ein gestaffelter Wiedereinstieg möglich. 

Das soll sich ändern. Jedenfalls wenn das Gesundheitsministerium dem Vorschlag des zuständigen Sachverständigenrates folgt. Der hatte den Auftrag, sich einmal genau anzusehen, wie die Zahlung von Krankentagegeld in Deutschland geregelt ist, wie viel jährlich zusammenkommt, welche Erkrankungen die teuersten sind und ob sich etwas verbessern ließe. Ergebnis ist ein Gutachten (hier als PDF). Eine Idee darin: es so zu machen, wie die Skandinavier. Die erlauben eine stufenweise Krankschreibung, etwa zu 75, 50 oder 25 Prozent. In diesen Fällen arbeiten Erwerbstätige trotz Krankheit teils eingeschränkt weiter.

In Deutschland scheinen davon wenige begeistert zu sein. Die ersten Reaktionen jedenfalls waren Empörung und Sorge, Chefs könnten ihre Angestellten bald zwingen, sich krank zur Arbeit zu schleppen.Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Gesundheitsrats, erklärt, warum er die Idee immer noch gut findet:

ZEIT ONLINE: Kaum hatten Sie Ihr Gutachten zum Krankengeld vorgestellt, gab es Kritik. Von "Disziplinierung der Arbeitermassen" war die Rede, von "Bevormundung" und "noch mehr Druck auf der Arbeit". Hat Sie das überrascht?

Ferdinand Gerlach: Insofern, als dass so viele nur auf unsere Empfehlung für das skandinavische Modell angesprungen sind. Dabei ist das bloß einer von 13 Vorschlägen in dem Sondergutachten, basierend auf einer umfassenden Analyse der Krankengeld-Situation in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie von dem Modell überzeugt?

Gerlach: In Schweden gilt es seit 1990, also seit 25 Jahren. Man hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht, deshalb haben Norwegen, Dänemark und Finnland es mit geringfügigen Anpassungen übernommen. Es ist kein Zwang, sondern eine zusätzliche Möglichkeit für Arbeitnehmer, Krankheit und Beruf in Einklang zu bringen. Ein Beispiel: Wenn Sie sich als Schreibtischkraft den Fuß verstauchen, können Sie in Deutschland derzeit nur komplett krankgeschrieben oder offiziell gesund sein. Das ist aber nicht die Realität. Mancher könnte nach 14 Tagen wieder ins Büro gehen und arbeiten – darf es aber nicht.

ZEIT ONLINE: Das wäre für Dachdecker oder Fernfahrer aber schwierig.

Gerlach: Für sie gilt das natürlich nicht. In solchen Berufen muss man zu 100 Prozent fit sein. Das ist klar. So ist es auch nicht vorgesehen. Es geht auch nicht darum, Menschen, die eine Grippe oder Fieber haben, zur Arbeit zu schicken. Die gehören ins Bett. Aber es gibt halt viele Patienten, die sagen, ihnen würde nach einer Weile daheim die Decke auf den Kopf fallen. Sie würden, soweit möglich, trotz Krankheit gerne wieder ein wenig arbeiten.

ZEIT ONLINE: Gemessen an der Empörung, die sich auch auf ZEIT ONLINE in den Kommentaren unter der Nachricht niedergeschlagen hat, bin ich mir nicht sicher, ob das die Mehrheit ist. Gibt es dazu Umfragen? 

Gerlach: Uns liegen dazu keine repräsentativen Studien vor, ich kann das aber aus meiner langjährigen Erfahrung als Allgemeinmediziner bestätigen. Kollegen ebenso. Wir haben immer wieder derlei Gespräche mit Patienten geführt. Für Langzeitkranke, wie Menschen mit Rückenbeschwerden und Depressionen, ist es besonders interessant. Studien belegen nämlich, dass es diesen Patienten nicht gut tut, wenn sie wochenlang zu Hause sitzen, sich kaum bewegen und aus dem Alltag gerissen sind.

ZEIT ONLINE: Dafür gibt es doch das Hamburger-Modell: Demnach können Langzeitkranke ab der siebten Woche wieder in den Beruf eingegliedert werden. Wieso reicht das nicht?

Gerlach: Das Prinzip ist sehr gut. Wir wollen es nicht abschaffen, sondern lediglich früher ermöglichen. Im Moment zahlt der Arbeitgeber die ersten sechs Wochen den vollen Lohn, ab Woche sieben gibt es das Krankengeld der Kasse. Das sind mindestens 70 Prozent vom Bruttolohn, maximal 90 Prozent vom Nettolohn. In dieser Phase können Erkrankte schrittweise und in enger Abstimmung mit dem Arzt wieder in den Beruf einsteigen. Sie beginnen beispielsweise zwei Wochen lang vier Stunden pro Tag zu arbeiten und steigern sich danach auf sechs Stunden, falls es gut läuft. Oder aber entscheiden: "Ich habe mich doch übernommen" und brechen ab.