Wer künftig Gras benötigt, um etwa seine chronischen Schmerzen zu lindern, soll es leichter haben. Das Gesundheitsministerium schlägt in einem Referentenentwurf vor, die strengen Auflagen für Medizinalhanf zu lockern. Gleich eine ganze Behörde soll sich darum kümmern.

Eine Cannabisagentur mit zunächst fünf Mitarbeitern soll jegliche Mengen von legal in Deutschland geerntetem Marihuana und Haschisch aufkaufen. Die Behörde wäre dafür zuständig, die Qualität des Cannabis zu kontrollieren und zu überwachen, seine Verpackung zu begutachten und zu garantieren, dass das Gras als Medikament gut verfügbar ist. Sie soll auch regeln, wie der pflanzliche Rohstoff an Großhändler geliefert und rasch und sinnvoll verteilt werden kann.

Was sich anhört wie ein staatlich organisierter Drogenmarkt, ist der Versuch chronisch Erkrankten zu helfen. Denn der Vorschlag für eine "Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften" sieht keineswegs eine generelle Legalisierung vor. Es geht allein darum, es Patienten zu erleichtern, schneller und günstiger an Medikamente zu kommen, die auf den Inhaltsstoffen des Hanfs basieren.


Nehmen Sie teil und helfen Sie mit, Drogenkonsum sicherer zu machen (Lesen Sie hier mehr zum Global Drug Survey 2016).

Wer Hanf als Medizin braucht, dem bleiben hierzulande bislang nur sehr bürokratische, umständliche oder illegale Wege. Etwas mehr als 500 Patienten besitzen derzeit eine Ausnahmegenehmigung der Bundesopiumstelle. Damit dürfen sie sich über eine Apotheke zum Beispiel Hanfblüten für Tees oder Cannabisextrakt besorgen.

Es sind nur so wenige, da das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte nur dann ein Rezept bewilligt, wenn ein Patient als austherapiert gilt. Das heißt, wer Cannabis therapeutisch nutzen möchte, braucht einen Nachweis seines Arztes, dass ihm alle sonst verfügbaren Arzneien nicht mehr helfen – ganz gleich, ob diese vielleicht verheerendere Nebenwirkungen hätten als das Gras selbst.

Krankenkassen zahlen für eine solche Hanftherapie per Sonderregelung nicht. Oft haben Apotheken das medizinische Cannabis nicht vorrätig, was zu langen Wartezeiten führt. Zudem ist Medizinalhanf teuer. Nicht wenige zahlen mehr als 1.000 Euro monatlich. Derzeit bauen viele Schwerkranke Cannabis selbst an. Ein Problem, nicht nur weil es illegal ist. Die Eigenernte und Verarbeitung kann zu ungenauen und riskanten Dosierungen führen. Außerdem sollte eine Therapie mit Medizin auf Hanfbasis unter ärztlicher Kontrolle stehen.

Diese Schwierigkeiten sollen mit der Einrichtung einer Behörde beseitigt werden. Auch die zukünftige Herstellung von medizinischen Cannabisprodukten soll nach den Plänen des Ministeriums durch deren Arbeit erleichtert werden. Die Pläne für die neue Behörde befinden sich nun auch im Notifizierungsverfahren der EU. Änderungen der nationalen Drogengesetze müssen unter den Mitgliedstaaten bekannt gemacht werden. Diese können auch Änderungen vorschlagen. Die Pläne des Gesundheitsministeriums sollen dann in rund drei Monaten vom Kabinett besprochen werden.

Wirksamkeit gegen Schmerzen ist gut erforscht

Dass Hanf als Arznei durchaus Wirkung zeigt, belegen mehrere Studien und die Erfahrung von Patienten. Die in der Pflanze enthaltenen Cannabinoide können tatsächlich vor allem Schmerzen lindern, Entzündungen hemmen, entspannend wirken. Chronische Schmerzpatienten mit Nervenschäden können mit Hanf gut behandelt werden. Menschen, die an Multipler Sklerose leiden, profitieren von der krampflösenden Wirkung. Dass es auch appetitanregend wirkt, kann Aidskranken helfen, Krebspatienten können die Nebenwirkungen einer Chemotherapie damit dämpfen. Für viele andere Erkrankungen muss noch erforscht werden, ob Cannabinoide eine Therapie unterstützen können. Das ist zum Beispiel für das Tourettesyndrom, Bewegungsprobleme, das Augenleiden Grüner Star (Glaukom) oder für Allergien der Fall.

Kommt die von der Regierung diskutierte Cannabisagentur, müsste auch der Anbau neu geregelt werden. Derzeit ist es verboten, Hanf anzupflanzen und damit zu handeln. Der Stoff ist nicht verkehrsfähig. Im vergangenen Jahr hatte sich bereits eine Gruppe aus fünf Anwälten, Medizinern und Geschäftsleuten um eine Sondergenehmigung beim zuständigen Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte bemüht. Ihr Ziel: Die Ersten zu sein, die Cannabis gewerblich anbauen dürfen. Dazu hatten sie 50.000 Quadratmeter Ackerfläche nahe Hannover gekauft. Den künftigen Cannabisunternehmern geht es um den Vertrieb von Medizinalhanf.