Das Auftragsforschungsinstitut Biotrial im französischen Rennes © Stephane Mahe/Reuters

Was sich in den Untersuchungsräumen des Auftragsforschungsinstituts Biotrial abspielte, sei ein Desaster, sagte die französische Gesundheitsministerin Marios Touraine. In Rennes ist das Schlimmste geschehen, das während eines Arzneimitteltests passieren kann: Ein Proband ist gestorben, vier weitere sind offenbar schwer geschädigt. Sie alle waren zuvor gesund und ohne Beschwerden, sollten in dieser ersten klinischen Phase einen Wirkstoff lediglich auf seine Verträglichkeit testen. Nun leiden sie unter Blutungen und Nervenschädigungen, "die möglicherweise irreversibel sind", wie die betreuenden Mediziner sagen.

Doch was genau ist geschehen? Dass eine klinische Studie derart außer Kontrolle gerät, ist ein extrem seltener Zwischenfall. Ein Risiko besteht immer, wenn Wirkstoffe getestet werden. Umso auffälliger – wenn nicht fragwürdiger – ist die zurückhaltende Kommunikation der Beteiligten. Sowohl das Forschungsinstitut als auch der Hersteller der Testarznei, das portugiesische Pharmaunternehmen Bial Portela sowie die französische Gesundheitsaufsicht, haben Informationen nur zögerlich herausgegeben. 

Ein Dokument – wohl die Einverständniserklärung und Studieninformation für die Versuchsteilnehmer – lässt eine erste Ursachenforschung zu. Es tauchte in den französischen Medien auf. Bis heute gibt es entgegen der meisten Medienberichte keine offizielle Bestätigung darüber, welchen Wirkstoff die Probanden genommen hatten oder gegen welche Erkrankung er künftig hätte eingesetzt werden sollen.

Die Wirkstoffgruppe gilt unter Experten als Hoffnungsträger

Der veröffentlichten Einverständniserklärung ist eine ganze Liste von Leiden zu entnehmen, die der Wirkstoff lindern sollte. Sie reicht von so unterschiedlichen Erkrankungen wie Angststörungen und Schmerzen bis hin zu Krebs, Parkinson, Bluthochdruck und Übergewicht. Dies, die Patente, die der portugiesische Pharmahersteller beim Europäischen Patentamt angemeldet hat und der Tipp eines Unbekannten weisen darauf hin, dass die Probanden einen Fettsäureamid-Hydrolase-Hemmer einnahmen. Sie gelten unter Experten und in der Pharmaindustrie – darunter Konzerne wie Merck, Pfizer oder Sanofi – als Hoffnungsträger. Sie verhindern den Abbau von körpereigenen schmerzstillenden und stimmungsaufheiternden Botenstoffen.

Bislang ging man davon aus, dass sie kaum Nebenwirkungen verursachen. "Das liegt daran, dass es in den kritischen Hirnbereichen, die etwa die Atmung oder den Herzschlag regulieren, keine Bindungsstellen für cannabisähnliche Substanzen gibt", erklärt Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover. FAAH-Hemmer greifen nämlich in das körpereigene Endocannabinoidsystem ein, wo auch eigene cannabinoide Substanzen hergestellt werden. Dieser Teil des Nervensystems beeinflusst mitunter die Gehirnentwicklung, das Gedächtnis, die Kontrolle von Bewegungen, das Sättigungsgefühl. Alles Dinge, auf die sich auch die Droge Cannabis auswirkt. Müller-Vahl erforscht, wie die Wirkstoffe der Droge medizinisch genutzt werden können. Das Endocannabinoidsystem übernimmt aber auch Funktionen beim Zellwachstum, der Körperabwehr und bei der Regulierung des Herzkreislaufsystems.

Lückenhafte Dokumentation des Wirkstoffs

Die meisten bisherigen Studien und Versuche mit FAAH-Hemmern endeten vorzeitig. "Aber in keinem Fall kam es zu derart fatalen Nebenwirkungen, wie während des Tests in Rennes", sagt Markus Leweke, der am Zentrum für Seelische Gesundheit in Mannheim das komplexe Endocannabinoidystem untersucht. Eher im Gegenteil, sagt Leweke: Teils blieben Wirkungen gänzlich aus. Und nichts deute daraufhin, dass FAAH-Hemmer Hirnblutungen oder Nervenschädigungen verursachen könnten.

Schon einmal gab es Probleme mit den Wirkstoffen. Die groß umworbene Schlankheitspille Acomplia von Sanofi musste 2008 nach nur zwei Jahren wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen werden. Sie löste im Schnitt bei vier von 100 Menschen Depressionen und Angstgefühle aus. Acomplia bewirkte das genaue Gegenteil der FAAH-Hemmer – sie blockierte das System.