Dejailson Arruda hält seine neugeborene Tochter Luiza im Arm. Die Familie lebt in Santa Cruz do Capibaribe, Brasilien. Viele Schwangere, die sich in der Region mit dem Zika-Virus angesteckt hatten, brachten Babys mit Mikrozephalie zur Welt. © Felipe Dana/AP/picture alliance

ZEIT ONLINE: In Brasilien ist die Zahl der Kinder, die mit einer Schädelfehlbildung geboren wurden, zuletzt um das Zwanzigfache gestiegen. Die Ursache dieser Mikrozephalie-Fälle ist höchstwahrscheinlich das Zika-Virus. Was ist das für ein Erreger?

Claudio Maierovitch: Es ist ein Arbovirus, also ein von Gliederfüßlern, in diesem Fall Stechmücken, übertragener Erreger. Im Jahr 2015 hat er hier in Brasilien plötzlich eine große Epidemie ausgelöst. Wir wissen, dass Aedes aegypti, dieselbe Mückenart, die auch Dengue verbreitet, das Virus in sich tragen kann.Es gehört zur Gruppe der Flaviviren, ist also verwandt mit den Erregern von Dengue und Gelbfieber.

ZEIT ONLINE: Aedes aegypti, diese Mückenart ist schon lange in Südamerika zu Hause. Wieso überträgt sie auf einmal ein neues Virus?

Maierovitch: So genau wissen wir das nicht. Wir kennen die Mücke als Überträgerin anderer Krankheiten wie Dengue und Chikungunya. Sie lebt seit etwa 30 Jahren auch in Brasilien, und sie erobert ständig neue Gebiete. Wo genau die hier lebenden Mücken das Zika-Virus aufgenommen haben, können wir aber nicht nachvollziehen. Der zunehmende Reiseverkehr bringt viele ansteckende Krankheiten mit sich – eingeschleppt durch Menschen, Tiere, Nahrungsmittel und auf anderen Wegen.

ZEIT ONLINE: Wo kam das Virus bislang vor?

Maierovitch: Bis 2014 war es außerhalb Afrikas oder Asiens nie zu Zika-Ausbrüchen gekommen. Zuletzt war das Virus insbesondere in Mikronesien und Französisch-Polynesien aufgetreten. Allerdings beherbergt der amerikanische Kontinent die größte Vielfalt an Flaviviren der Welt.

Der Tropenmediziner Claudio Maierovitch ist beim Gesundheitsministerium Brasiliens für die Überwachung von Infektionskrankheiten zuständig. © Ministério da Saúde do Brasil

ZEIT ONLINE: Welche Symptome löst Zika bei Menschen aus?

Maierovitch: Bisher galt es als eher harmlos: Hautausschlag, Fieber und rote Augen – typisch sind milde Symptome, die auch ohne Behandlung nach drei bis vier Tagen abklingen. Doch jetzt stehen wir vor einer neuen Situation: Die Zahl Neugeborener mit Mikrozephalie ist einige Monate nach Beginn der Zika-Epidemie erheblich angestiegen. Und Laborproben zeigen einen Zusammenhang zwischen dem Virus und dieser Fehlbildung des Schädels. Dieser war vorher nicht bekannt. Unter Erwachsenen haben übrigens in den betroffenen Gebieten auch die Fälle des Guillain-Barré-Syndroms zugenommen, eine Nervenerkrankung, die nach einer Zika-Infektion häufiger auftritt.

ZEIT ONLINE: Mikrozephalie, was ist das genau?

Maierovitch: So nennt man eine bestimmte Fehlbildung des Kopfes eines Neugeborenen. Der ist dann kleiner als der eines gesunden Babys. Dahinter steckt eine schwere Störung der Hirnentwicklung. Es gibt viele mögliche Ursachen dafür, darunter Infektionskrankheiten, Alkohol- und Drogenmissbrauch während der Schwangerschaft oder auch Gendefekte. Manche Erreger, etwa das Röteln- und das Zytomegalie-Virus, sind bekannte Auslöser, wenn sich die Mutter in den ersten 15 Schwangerschaftswochen mit ihnen ansteckt.

ZEIT ONLINE: Wie genau kann das Virus die Fehlbildung im Mutterleib auslösen?

Maierovitch: Das ist bisher nicht genau erforscht. Der zeitliche und räumliche Zusammenhang zwischen der Zika-Epidemie und den Mikrozephalie-Fällen waren für uns die ersten Indizien. Viele Mütter erinnerten sich, während der Schwangerschaft Fieber und Ausschlag gehabt zu haben. Schließlich haben unsere Labore das Virus im Fruchtwasser zweier Frauen nachweisen können, bei deren Föten im Ultraschall eine Mikrozephalie aufgefallen war. Hinzu kam der Fall eines fehlgebildeten Babys, das wenige Minuten nach der Geburt verstarb – sowohl Blut- als auch Gewebeproben enthielten den Erreger.

ZEIT ONLINE: Was tut Brasilien zur Vorbeugung weiterer Mikrozephalie-Fälle?

Maierovitch: Die erste Präventionsmaßnahme ist es, den Vektor, also die Mücken zu bekämpfen. Wir haben eine massive Kampagne gestartet, die zum Ziel hat, die Brutstätten der Stechmücken einzudämmen. Außerdem müssen Schwangere Mückenstiche vermeiden. Wir bieten dazu Beratung an.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie Schwangeren?

Maierovitch: Mücken zu meiden, ist bisher der einzige Schutz. Schwangere sollten also Orte meiden, an denen es viele Mücken gibt, Fenster und Türen geschlossen halten oder mit Fliegengittern ausstatten, lange Kleidung und Strümpfe tragen sowie Insektenschutzmittel benutzen.

ZEIT ONLINE: Wird es eine Impfung gegen das Zika-Virus geben?

Maierovitch: Da die immunologischen Eigenschaften des Erregers bisher nicht ausreichend erforscht sind, ist es zu früh, um über Impfstoffe zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Was sollten die Menschen hier in Deutschland wissen oder tun?

Maierovitch: Fernreisende sollten das Risiko kennen. Auch hat die Aedes-Mücke bereits mehrere europäische Länder als Lebensraum erobert. Zika könnte also auch in Europa ein Thema werden.