Tod den Mücken: Stadtangestellte sprühen den Sambadrom in Rio de Janeiro mit Chemikalien ein, um die Übertragung von Zika zu stoppen. © CHRISTOPHE SIMON/AFP/Getty Images

In Brasilien entwickelt sich eine dort bis vor Kurzem unbekannte Seuche: Zika, verursacht von einem Virus, den Stechmücken übertragen. Virologen rechnen damit, dass sich die Krankheit nicht nur weiter im Land verbreiten wird, sondern auch in alle Welt. Nicht zuletzt der brasilianische Karneval und Olympia tragen dazu bei. Wie schnell, lässt sich nicht vorhersagen.

Seit Mai 2015 breitet sich das Virus in Brasilien aus, Millionen von Menschen haben sich nach jetzigen Schätzungen angesteckt. Im angrenzenden Kolumbien berichten Ärzte von mindestens 13.000 Fällen. Hinzu kommen Erkrankte in 20 weiteren Ländern, wie Karten der WHO und der Europäischen Seuchenbehörde zeigen.

Zika selbst verläuft zumeist unspektakulär. Nur einer von fünf Menschen merkt überhaupt, dass er das Virus in sich trägt. Ein wenig Fieber, ein wenig Hautausschlag – beides ist nach ein paar Tagen ausgestanden. Wer den Erreger ein Mal in sich trug, ist zudem immun. 

Das Virus ist Forschern seit 1947 bekannt, der Erreger wurde erstmals im Zika Forest in Uganda isoliert. Von Interesse aber ist das Flavivirus erst seit 2007, als auf der Pazifikinsel Yap in Mikronesien rund 100 Menschen erkrankten (Hayes, 2009). Seitdem gilt Zika als emerging pathogen, als Erreger mit dem Potenzial, sich global auszubreiten. Es folgten weitere Ausbrüche, alle überschaubar – bis jetzt.

"Die Situation ist unter anderem so schlimm, weil hier ein sehr virulenter Erreger auf eine große Gruppe ungeschützter Leute trifft", sagt Jonas Schmidt-Chanasit, der am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg die virologische Zentraldiagnostik leitet. Und weil das Zika-Virus die Gesundheit unvermutet schädigen kann. "Erst seit 2013 in Französisch-Polynesien Hunderte Menschen erkrankten, wissen wir, dass es schwerwiegende Verläufe geben kann mit Lähmungserscheinungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom oder Fehlbildungen von Kindern infizierter Frauen", sagt der Virologe. Das habe ihn und seine Kollegen aufgerüttelt.

Auch sei es auffällig, wie schnell das Virus voranschreite, sagt Schmidt-Chanasit. "Aber Zika ist nicht das neue Ebola." Auch sei nicht zu befürchten, das Virus sei in den vergangenen Jahren mutiert und nun aggressiver als zuvor. "Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich um dieselbe Linie, die auch schon die anderen Ausbrüche verursacht hat", sagt der Virologie. Es scheine bloß schlimmer, weil drastische Folgeerkrankungen bisher unbemerkt geblieben waren.

Auch über ungeschützten Sex übertragbar

Nach Angaben der brasilianischen Gesundheitsbehörden wurden zwischen dem 22. Oktober 2015 und 9. Januar 2016 insgesamt 3.530 Neugeborene mit einer Mikrozephalie gemeldet. Mittlerweile ist von rund 4.000 Verdachtsfällen die Rede. Die hohe Zahl ist auch auf die gestiegene Aufmerksamkeit zurückzuführen.

So hatten die Behörden in Brasilien nach den ersten Verdachtsfällen eine Überwachung gestartet, bei der bis zum 16. Januar 2016 insgesamt 3.893 Fälle gemeldet wurden. "Jedoch wurden die Einschlusskriterien sehr weit gefasst", sagt der Arzt Alexander Kekulé. "Beispielsweise gilt jede Schwangere, die einen unerklärten Ausschlag während der Schwangerschaft hat, als 'Fall'. Die anderen 'Fälle' beziehen sich großenteils auf Ultraschalluntersuchungen in niedergelassenen Praxen, bei denen ein Kopfumfang unter zwei Standardabweichungen unter dem Normalwert vermutet wurde." Von den 3.893 Verdachtsfällen sind 3.381 noch nicht überprüft. Fast alle Fälle beziehen sich auf Föten, bei denen die Diagnose oft schwierig zu stellen ist.

Wie die europäische Seuchenbehörde berichtet, steht der letzte Nachweis für den direkten Zusammenhang beider Erkrankungen noch aus. Rund zehn Einzelfälle aber hätten in der Vergangenheit starke Hinweise darauf geliefert. "Die tatsächlichen Zahlen sind nach meiner Analyse dennoch ausreichend, um einen Zusammenhang zwischen Zika-Infektion während der Schwangerschaft und Mikrozephalie als 'sehr wahrscheinlich' zu bezeichnen", sagt deshalb auch Kekulé.

Deutlicher scheint der Zusammenhang zwischen Zika und dem Nervenleiden Guillain-Barré. In Brasilien, Venezuela, El Salvador und Martinique gingen höhere Fallzahlen mit jenen der Zika-Fälle einher. Konkret zeigten 62 Prozent der Patienten in Brasilien zugleich Symptome der Viruserkrankung. "Ob aber nun jeder zweite, vierte oder nur einer von einer Million ist letztlich noch nicht bekannt", sagt Schmidt-Chanasit.

Nach neusten Erkenntnissen können nicht nur Schwangere das Virus auf ihren Nachwuchs übertragen. Auch über ungeschützten Sex kann sich Zika verbreiten (Musso et al., 2015) oder über infizierte Blutkonserven. Blutprodukte aber lassen sich vergleichsweise gut kontrollieren.