Dieser Text ist Teil der Wissen-Serie Kosmetik-Check.

Ein Blick ins Badezimmerregal reicht, um zu sehen: Jeder von uns vercremt, verschäumt und versprüht literweise Pflegeprodukte. Der Morgen beginnt mit Shampoo, Duschgel, Deo oder Rasierschaum – Hygiene, auf die kaum jemand verzichtet. Weiter geht es mit Antifaltencremes, Aftershave, Haut- und Handcreme. Hier kann man schon fragen: Brauche ich das? Und verhilft das zu weicherer und glatterer Haut? Und schließlich: Mascara, Haarspray, Gel und Nagellack zum Stylen und Schminken.

Was von alledem pflegt oder schöner macht – Stars und Models in schicken Laborkitteln erzählen das in der Werbung, auf Packungen steht Beeindruckendes: "Dermatologisch geprüft", "Wirksamkeit nachgewiesen". Doch wie viel Forschung steckt wirklich hinter der Kosmetik?  

Die Wahrheit herauszufinden, ist schwierig. Es gibt kaum Studien zu Kosmetik- und Pflegeartikeln, die nicht im Auftrag oder in enger Symbiose mit Herstellern entstanden wären. Auffällig viele Forscher wollen zu diesem Thema nichts sagen, einige wollen ihre Namen nicht auf ZEIT ONLINE lesen.

Obwohl die Forschung zu Kosmetik und Pflegeprodukten lückenhaft, undurchsichtig und teils irreführend ist, kaufen Deutsche sie in Massen. 57 Prozent aller Frauen und 36 Prozent der Männer benutzen regelmäßig Hautcremes. Neun von zehn Menschen schäumen sich mehrmals pro Woche mit Duschgel und Shampoo ein. Die meisten scheinen blind auf diese Produkte zu vertrauen.

Zehn Probanden, null Aussagekraft

Ein großer Teil der Studien zu Kosmetik-Inhaltsstoffen ist nicht repräsentativ. Warum, zeigt ein Beispiel: Grüner Tee plus Rosenöl soll die Haut so gut mit Feuchtigkeit versorgen, dass sie langsamer altert. Dieser These widmeten sich das türkische Gesundheitsministerium sowie Pharmazeuten der Universitäten Ankara und Istanbul. Immerhin unabhängige Stellen. Schaut man sich die Studie dazu (Acta Pharmaceutica: Yapar et al., 2013) aber genauer an, zeigt sich das Problem: Nur an zehn Frauen wurde das Grüntee-Rosenöl-Gel getestet. Rückschlüsse auf die Allgemeinheit lässt das nicht zu. Die Fehleranfälligkeit bei so wenigen Probandinnen ist zu hoch, die statistische Aussagekraft geht gen Null.

Generell gilt: Je größer die Probandengruppe, desto aussagekräftiger ist eine Studie. Untersucht ein Forscherteam zum Beispiel 20 Menschen, kann es gut sein, dass es zufällig keinen erwischt, der allergisch auf das Produkt reagiert. Um einigermaßen verlässliche Ergebnisse zu erhalten, müssten alte und junge Menschen mit verschiedenen Hauttypen das Produkt testen. Anders als Kosmetik dürfen Medikamente erst für den Markt zugelassen werden, nachdem mehrere hundert Testpersonen sie auf Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet haben. Alles, was nachhaltig im Körper wirkt, gilt als Medikament und unterliegt diesen strengen Auflagen. Alles, was Kosmetik heißt, darf genau solche Wirkungen nicht haben. Wer sich das klar macht, ahnt: Aufschriften wie "wirkt in tiefen Hautschichten" oder "bremst den Alterungsprozess der Haut" müssen leere Versprechen sein.

Dermatologisch getestet, Ergebnis egal

"Dermatologisch geprüft" oder auf "Hautverträglichkeit getestet" sind viele Kosmetika. Solche Formulierungen sind aber nicht geschützt. Die "Studie" dahinter kann dann so aussehen: 25 Frauen, heller Hauttyp, im Alter zwischen 30 und 45 Jahren reiben sich vier Wochen lang mit Handcreme ein. Tritt keine allergische Reaktion auf, nennt der Hersteller sein Produkt hautverträglich. Reagieren doch einige Frauen allergisch, kann er immer noch "dermatologisch geprüft" auf seine Creme schreiben. Geprüft hat er sie ja, wenn auch mit schlechtem Ergebnis.

Zu viel Nähe zwischen Forschung und Industrie

Ein weiteres Problem: Auch in vermeintlich unabhängigen Studien ist nicht immer klar, ob die Forscher mit der Industrie zusammengearbeitet haben. Im September 2015 präsentierten US-Forscher zum Beispiel ihre Ergebnisse zur Wirksamkeit einer Anti-Aging-Creme (Journal of Drugs in Dermatology: Saxena et. al., 2015). Immerhin 85 Frauen zwischen 35 und 65 Jahren haben drei Monate lang zweimal pro Tag ihren Hals damit eingecremt. 94 Prozent waren am Ende zufrieden und stellten fest, dass ihr Hals frischer aussah. Sich vor allem auf die subjektive Wahrnehmung zu verlassen, ist unseriös. Das Ergebnis könnte den Forschern aber ganz recht gewesen sein: Der Erstautor der Studie ist etwa auch der Vizepräsident eines Kosmetikunternehmens, das zufälligerweise auch eine Anti-Falten-Creme für den Hals verkauft. Deren Zusammensetzung ähnelt stark der in der Studie verwendeten.

Natürlich arbeiten viele Forscher unabhängig und sitzen in Gremien, die die Industrie überwachen. Die Kosmetikkommission des Bundesinstituts für Risikobewertung gehört dazu. Auch die Europäische Kommission beobachtet den Markt der Inhaltsstoffe. Daneben gibt es aber auch Wissenschaftler, die Verträge mit Unternehmen haben. Nicht alle machen das transparent.

Während der Recherche hat ZEIT ONLINE Forscher verschiedener Fachrichtungen kontaktiert, die unter anderem an Universitäten arbeiten. Einige hatten Bedenken, sich zu Kosmetikinhaltsstoffen zu äußern. Einer sagte sogar, man müsse aufpassen, die Industrie nicht vor den Kopf zu stoßen.

Nicht alle sehen das so und viele fordern, Verbraucher besser über Inhaltsstoffe zu informieren. "Kunden, die souveräne Kaufentscheidungen treffen wollen, brauchen sehr viel Sachverstand, Zeit und Geduld, um diese Angaben zu verstehen", sagt Ursula Klaschka von der Hochschule Ulm. Die Chemikerin beschäftigt sich mit Kosmetikprodukten und dem damit verbundenen Verbraucher- und Umweltschutz.