Es sind drängende Fragen. Und zwar viele. Warum hat das seit Jahrzehnten bekannte Zika-Virus ausgerechnet jetzt in Lateinamerika eine so heftige Epidemie ausgelöst? Ist der Erreger mutiert? Was ist anders als früher? Forscher betonen: Die eigentliche Erkrankung ist harmlos, gleicht einer leichten Erkältung. Aber wieso hat Zika jetzt und nur in einem bestimmten Gebiet Brasiliens offenbar zu Fehlbildungen (Mikrozephalie) bei Neugeborenen geführt?

Die Liste der ungelösten Rätsel ist lang: Warum werden aus anderen Zika-Regionen nicht gehäuft Mikrozephalie-Fälle bei Babys gemeldet? Wieso kommt es im Seuchengebiet gehäuft zum Guillain-Barré-Syndrom, einer schweren Nervenerkrankung? Und wie lange wird es dauern, eine Impfung zu entwickeln?

All das könnten internationale Teams seit Wochen erforschen. Aber dazu brauchen sie ausreichend Originalproben des Viren-Stammes, der jetzt gerade in Brasilien umgeht. Viren mutieren ständig. Ableger von Zika, die man bei früheren Ausbrüchen isoliert hat, liegen zwar in den Eisfächern der internationalen Labors. Aber sie können nur einen Teil der Antworten liefern.

Die WHO kann die Herausgabe nicht erzwingen

Was heute herauskam, ist gravierend: Brasiliens Gesetzeslage hindert seine Wissenschaftler daran, genug Proben außer Landes zu schicken und erschwert damit die Eindämmung der Infektionskrankheit. Wie das US-Forschungsmagazin STATberichtet, klagen Forscher in den USA und Europa über den Mangel an Proben. Diese reichten nicht aus, um die Evolution des Virus zu untersuchen.

Ursache dafür ist ein rechtliches Problem: Offiziell verbieten Brasiliens Gesetze die Ausfuhr von genetischem Material wie DNA oder Blutproben. Auch der Status des globalen Gesundheitsnotstands, den die Weltgesundheitsorganisation WHO ausgerufen hat, ändert daran nichts. "Der Austausch von Proben ist eine sehr delikate Angelegenheit", sagte der Direktor der WHO-Abteilung für Infektionskrankheiten in den USA. Man habe Anwälte eingeschaltet.

Brasilien will sich vor Biopiraterie schützen

Hinter Brasiliens strengen Gesetzen steckt die berechtigte Sorge vor Biopiraterie. Vertreter ausländischer Pharmafirmen hatten in der Vergangenheit auf der Suche nach neuen Wirkstoffen Pflanzenproben aus dem Regenwald außer Landes gebracht, daran geforscht und auf dieser Basis Patente angemeldet, mit denen sich sehr viel Geld verdienen lässt. Brasilien, woher die Naturressourcen stammen, ging leer aus. Andere Wissenschaftler nahmen DNA-Proben von Ureinwohnern und betrieben damit Forschung, ohne deren Rechte zu respektieren.

Dieser Konflikt erschwert jetzt den gemeinsamen Kampf der Staaten gegen die Zika-Epidemie. Zwar könnten internationale Labore auch neuere Proben aus anderen von Zika betroffenen Ländern Lateinamerikas oder der Karibik nutzen. Trotzdem bleibt die Viren-DNA aus Brasilien für Wissenschaftler entscheidend: Dort begann der aktuelle Ausbruch, dort sind Neugeborene von Mikrozephalie betroffen und es ist das Land mit den derzeit meisten Infizierten.

WHO-Mediziner Espinal hofft darauf, dass sich die Angelegenheit in Gesprächen zwischen den Präsidenten der USA und Brasiliens klären lasse. "In einem Notfall zu warten, ist immer riskant", wird er im STAT-Magazin zitiert.

Selbst wenn wir Proben verschicken wollten – wir können nicht. Es wäre eine Straftat.
Paulo Gadelha, Chef des größten Tropeninstituts Brasiliens

Die prekäre Gesetzeslage besteht seit Mai 2015. Damals hatte Präsidentin Dilma Rousseff zwar eine Neuregelung zum Umgang mit genetischem Material auf den Weg gebracht. Doch da diese noch nicht in Kraft getreten ist, hängen die Wissenschaftler in der Luft, berichtet die US-Nachrichtenagentur AP und nennt das "legal limbo".

"Bis das Gesetz umgesetzt ist, ist es uns rechtlich verboten, Proben ins Ausland zu schicken", sagte Paulo Gadelha, Präsident der Oswaldo Cruz Foundation, Brasiliens größtem staatlichen Institut zur Erforschung von Tropenkrankheiten. "Selbst wenn wir Proben verschicken wollten – wir können nicht. Es wäre eine Straftat."