Es stimmt! Wie gefährlich die Zika-Epidemie wirklich ist, weiß bisher niemand. Der Infekt selbst gilt als recht harmlos. Löst das Virus direkt Mikrozephalie bei Ungeborenen aus und verursacht es schwere Fälle der Nervenkrankheit Guillain-Barré? Vieles spricht dafür, doch wie und in welchem Ausmaß, wissen Forscher nicht. Auch, ob sich Zika im Gepäck von Mücken um den ganzen Erdball bis nach Europa verbreiten wird, ist kaum vorherzusagen.

Was auch stimmt: Es gibt gefährlichere Krankheiten, übertragen durch dieselben Mückenarten. Dengue zum Beispiel. Rund 400 Millionen Menschen weltweit bekommen jedes Jahr Dengue, 25.000 bis 50.000 sterben daran. Den globalen Gesundheitsnotstand – wie jetzt anlässlich der Zika-Epidemie – hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) deshalb noch nie ausgerufen. Die Frage ist: Übertreibt sie jetzt bei Zika oder unterschätzt sie seit Jahren das Dengue-Fieber? 

In Brasilien, das jetzt im Fokus der Zika-Bekämpfung und damit dem Kampf gegen dieÄgyptische Tigermücke (Aedes aegypti) steht, kennt man den Moskito seit mehr als drei Jahrzehnten. Fast ebenso lang versucht die brasilianische Regierung es zu bekämpfen. Bisher ohne Erfolg. Wenn man die bisherigen Bemühungen als Maßstab nimmt, muss man feststellen: Brasilien wird auch dieses Mal scheitern.

Nie hatten mehr Brasilianer Dengue als im Jahr 2015

Im Jahr 2015 wurden in Brasilien fast 1,7 Millionen Fälle erfasst, die höchste jemals registrierte Zahl. Im Vergleich zum Vorjahr war das einen Anstieg um 181 Prozent. Die Zahl der Todesfälle stieg um 82,5 Prozent und lag bei 863. In diesem Jahr sind allein im Bundesstaat Rio de Janeiro bereits rund 600 Dengue-Kranke erfasst worden. Im gleichen Zeitraum 2015 waren es nur 133.

Wer sich zum ersten Mal ansteckt, der kommt meist mit Fieberschüben, starken Muskel- und Kopfschmerzen und Hautausschlag davon. Doch trifft es jemanden zum zweiten oder dritten Mal, kann das tödlich enden, weil das Virus dann auch schwere innere Blutungen auslöst. Hämorrhagisches Fieber nennen Forscher das, ähnlich wie bei Ebola.

Wegen Zika aber vor allem wegen der drastischen Zunahme des Dengue-Fiebers haben Gemeinden in ganz Brasilien begonnen, provisorische Gesundheitsstationen zu errichten und zusätzliche Mediziner anzuheuern, denen sie bis zu umgerechnet 300 Euro pro Tag zahlen.

Moskitos sind Staatsfeind Nummer eins

Die brasilianische Regierung hat den Überträger von Dengue und Zika nun zum Staatsfeind Nummer eins erklärt. In einer Medienkampagne sollen die rund 200 Millionen Brasilianer über die Gefahren aufgeklärt werden, Slogan: "Zika Zero. Ein Moskito ist nicht stärker als ein ganzes Land!" Vergangene Woche wandte sich die umstrittene Präsidentin Dilma Rousseff in einer Fernsehsprache an die Brasilianer, bat um Einheit im "Krieg gegen Zika" und die Mitarbeit der Bevölkerung.

Sie kündigte an, dass nach zuerst 71.000 nun ganze 220.000 Soldaten in einer Megaoperation am 13. Februar mit öffentlichen Angestellten so viele Häuser wie möglich aufsuchen, Moskito-Brutstätten ausfindig machen und eliminieren sollen. Brutstätten können kleinste Mengen stehenden Wassers sein, etwa in einer weggeworfenen Blechdose. Die Larven von Aedes aegypti sind anspruchslos.

In Gebieten des brasilianischen Nordostens, in denen auffallend viele Babys mit einer Fehlbildung des Schädels zur Welt kamen (85 Prozent aller Mikrozephalie-Fälle sind dort registriert worden), reagiert die Bevölkerung ersten Erfahrungen nach offen und kooperativ auf den Besuch von Angestellten der Gesundheitsverwaltung. Anderswo hat die Kampagne noch nicht begonnen, deren Schwerpunkt Rio de Janeiro sein soll. Nicht etwa, weil die Situation dort besonders kritisch wäre, sondern wegen der Olympischen Spiele im August. Man hat Angst vor einem Einbruch des Tourismus. Dabei gibt es im trockenen August in Rio so gut wie keine Aedes-Moskitos.

Favelas einzunebeln reicht nicht

Ähnliche Aktionen gab es in kleinerem Ausmaß schon früher. Da wurden etwa Favelas – wegen ihrer verwinkelten Bauweise, dem vielen Müll, den offenen Wassertanks und der Bildungsarmut ihrer Bewohner besonders gefährdet – von Wägen der Gesundheitsverwaltung mit Insektiziden eingenebelt. Da gingen, so wie jetzt, Angestellte der Gesundheitsverwaltung von Haus zu Haus, inspizierten Klos und Vasen, zeigten Bewohnern, wie man Pfützen mit Sand austrocknet.

Ebenso wird mit dem Aussetzen gentechnisch veränderter, steriler Moskitos experimentiert. So will man die Reproduktion der Mücken stoppen. Eine Methode, die ersten Erfahrungen nach sehr erfolgreich zu sein scheint.