Eine Frau hält ihre drei Monate alte Tochter auf dem Arm. Sie kam mit einer Mikrozephalie auf die Welt. © Mario Tama/Getty Images

Dafne Gandelman Horovitz zückt ihr Smartphone und öffnet den Foto-Ordner. "Schauen Sie", sagt die Genforscherin, die sich auf seltene Erkrankungen spezialisiert hat. "Die Gehirne dieser Babys sind komplett zurückgeblieben." Die Bilder, die Gandelman auf ihrem Handy hin- und herschiebt, sind Computertomografien von Neugeborenen mit Mikrozephalie. Das heißt, dass die Babys äußerlich einen zu kleinen, nach oben hin spitz zulaufenden Schädel mit einem Umfang unter 32 Zentimetern haben.

Das eigentliche Problem ist ihr unvollständig entwickeltes Gehirn. Gandelman deutet auf die schwarzen Flächen, die sich zwischen der hellen Hirnmasse und dem Schädelrand befinden. "Die müssten ausgefüllt sein." Auch die typischen Windungen des Gehirns fehlen. Die Genetikerin wischt zu einem weiteren Bild. Dort sieht man milchige Flecken in einem Kinderhirn. "Verkalkungen", konstatiert die Ärztin. "Diese Kinder haben keine Entwicklungschancen."

Grippe ist schlimmer als Zika – wären da nicht diese Babys

Dafne Gandelman sitzt in ihrem Büro am Fernandes-Figueira-Institut für die Gesundheit von Frauen und Kindern. Sie trägt ein luftiges rotes Kleid und Espadrilles. Sieben Babys mit Mikrozephalie sind seit dem 6. Dezember 2015 allein in ihrer Klinik in Rio zur Welt gekommen. Die Spezialistin war vorgewarnt. Denn im Nordosten Brasiliens hatte man damals schon mehr als 1.000 Kinder mit Verdacht auf die Behinderung registriert – in einem normalen Jahr sind es rund 150 Fälle landesweit (bei rund drei Millionen Geburten). Aber 2015 und 2016 sind in Brasilien keine normalen Jahre. "Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis wir es mit einer Epidemie zu tun kriegen", sagt Gandelman.

Das Zika-Virus verbreitet sich derzeit explosionsartig. In knapp 30 Ländern und Territorien des amerikanischen Doppelkontinents, zudem auf Samoa, Amerikanisch-Samoa, Tonga und den Kapverden haben sich Menschen mit dem Virus infiziert. Einer von fünf Erwachsenen, der von einer infizierten Aedes-Mücke gestochen wurde, bekommt Fieber, Muskelschmerzen sowie Hautausschlag. Die Krankheit gilt als harmlos, eine Grippe ist schlimmer. Aber wenn sich eine Schwangere mit Zika ansteckt, löst das wahrscheinlich die Fehlbildung bei ihrem Kind aus. Aufgrund dieses vermuteten Zusammenhangs hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den internationalen Gesundheitsnotfall ausgerufen.

Hatte sich die Frau mit Zika infiziert? Oft gibt es darauf keine Antwort

"Das Schicksal der Familien beunruhigt uns", sagt Bruce Aylward, der Direktor der WHO-Abteilung für Ausbrüche und Gesundheitsnotfälle. Aber zu beweisen, dass das Virus die Mikrozephalie verursacht, sei alles andere als einfach. Ein Anhaltspunkt: Virenerbgut wurde vereinzelt in Plazenta und im Fruchtwasser von Müttern und im Gehirn verstorbener Neugeborener gefunden. Auffällig sei zudem, dass es in den Epidemie-Gebieten Monate später zu einem Anstieg der Mikrozephalie-Verdachtsfälle komme.

Doch die Zahlen sind nicht eindeutig. In Brasilien sind bisher 4.783 Verdachtsfälle von Mikrozephalie gezählt worden, rund 85 Prozent im armen Nordosten des Landes. Nun werden die Krankenakten nach und nach geprüft. Bisher wurden 709 Fälle verworfen, 404 der Babys haben tatsächlich einen zu kleinen Kopf. Bei 17 von ihnen konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass sich die Mutter während der Schwangerschaft mit dem Zika-Virus infiziert hatte.

Dieser Nachweis ist nicht einfach. Denn das Erbgut des Virus ist nur während der akuten Erkrankung im Blut zu finden. Untersuchen die Ärzte das Blut erst später, sind sie auf die Antikörper angewiesen, die das Immunsystem gebildet hat. Diese ähneln aber denen gegen das Dengue-Virus, das in Brasilien weit verbreitet ist. Im Moment kann kein Antikörper-Test zuverlässig zwischen beiden Erkrankungen unterscheiden.