Waffen, Menschen, Kunst. Als Alexander Schalck-Golodkowski für die bankrotte DDR Devisen besorgte, ließ er keine Geldquelle aus. Medikamentenstudien für den Westen waren eine von vielen, nur die Hälfte der Erlöse floss zurück ins Gesundheitssystem der DDR. "Wie ein Zuhälter verkaufte die Regierung ihre kranken Bürger und prostituierte das Land als Versuchslabor", schrieb im Frühjahr 2013 der Spiegel.

Die Empörung war groß, Medizinhistoriker wurden beauftragt, den Vorwürfen nachzugehen. Nach gut zweieinhalb Jahren, der Bearbeitung unzähliger Akten und nach zahlreichen Interviews sei es Zeit für eine erste vorsichtige Bilanz, heißt es nun im Abschlussbericht des Forschungsprojektes Klinische Arzneimittelforschung in der DDR, der heute in Berlin von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vorgestellt wurde.

Dass solche Studien durchgeführt wurden, sei weder auf die 1980er Jahre beschränkt noch ein Skandal. Meist hätten alle Beteiligten davon profitiert. Gleichzeitig gab es auch problematische Aspekte. "Es fehlte eine kritische Öffentlichkeit. Das Arzt-Patient-Verhältnis war sehr paternalistisch geprägt", sagte Carola Sachse vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates.

Aber auch die Aufarbeitung selbst hat Lücken: Patienten zu befragen, habe sich als nahezu unmöglich herausgestellt. Ihre Perspektive sei fast nur durch Aussagen ihrer behandelnden Ärzte vertreten. Zusätzlich müssten sich die Firmen in einzelnen Fällen die Frage stellen lassen, ob sie die unterschiedliche Versorgungslage in Ost und West bewusst ausgenutzt hätten – selbst wenn sie sich an alle Regeln hielten.

Wie viele solcher Auftragsstudien gab es?

Die Forscher haben zur Aufarbeitung der Medikamentenstudien in der Ex-DDR die Dokumente aller beteiligten Behörden, einschließlich der mehr als 25.000 Seiten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), durchforstet, außerdem Zeitzeugeninterviews, Krankenhausakten aus der Berliner Charité und der Uniklinik Leipzig sowie Dokumente aus den Archiven bundesdeutscher Pharmafirmen.

Insgesamt fanden sie Hinweise auf 900 von westlichen Herstellern beauftragte Studien, bei 321 davon ist die Durchführung hinreichend archivalisch dokumentiert. Die getesteten Wirkstoffe seien zeittypisch. Die Studien begannen bereits in den 1960er Jahren. Das spreche für historisch gewachsene Verbindungen der pharmazeutischen Professionen in den beiden Teilstaaten, die nicht durch den Mauerbau unterbrochen wurden. Bei den Studien handelte es sich meist um Arzneimittelprüfungen in der Phase drei, bei der die Wirksamkeit an möglichst vielen Patienten in unterschiedlichen Ländern erprobt wird.

Was versprachen sich die Firmen?

Im Jahr 1985 hatten die westlichen Pharmafirmen einen Umsatz von rund 20 Milliarden DM, etwa 15 Prozent haben sie nach eigenen Angaben in Forschung und Entwicklung investiert. Angesichts solcher Summen sei es unerheblich, ob 1,8 oder 2,5 Millionen DM in die DDR geflossen seien. Tatsächlich sparten die westlichen Firmen bei Tests in der DDR etwa ein Drittel ihrer Kosten. Doch in der CSSR oder Ungarn wäre es auch billiger gegangen. Die DDR bot allerdings äußerst engagierte, exakt arbeitende Ärzte sowie Patientenkollektive, die in Spezialzentren zusammengefasst waren. Das sicherte die Qualität der Studiendaten und sparte – im Vergleich zum Westen – Zeit und Organisationskosten, sagte Projektleiter Volker Hess bei der Vorstellung des Berichtes. Er selbst ist Medizin-Historiker an der Charité.

Was hatte die DDR davon?

Die Devisen waren angesichts einer Staatsverschuldung von 27 Milliarden DM im Jahr 1985 nur ein Tropfen auf den heißen Stein – wenngleich sich der Staat diese Einnahmequelle nicht entgehen lassen wollte. Zugleich ging es darum, Know-how und Infrastruktur für eigene klinische Prüfungen zu entwickeln, durch wissenschaftlichen Austausch nicht den Anschluss zu verlieren und Versorgungsengpässe mit Geräten und Wirkstoffen abzumildern. Die Stasi hatte diese Westkontakte gleichwohl sehr kritisch im Blick, damit die klinischen Prüfungen nicht am Staat vorbei organisiert oder gar als Fluchthilfeorganisation für Ärzte missbraucht werden konnten. Die Patienten hätten gern an den Prüfungen teilgenommen, "weil westliche Medikamente so einen Weihnachtsmannbonus hatten", sagte ein behandelnder Arzt.

Standards eingehalten. Nur wie gut waren die?

Wie genau die Patienten darüber aufgeklärt wurden, dass sie an einer Studie teilnahmen, ist unsicher. Zwar sah die Gesetzgebung der DDR klare Regeln vor, mit dem Beratungsbüro und dem Zentralen Gutachterausschuss waren zentrale Kontrollinstanzen vorhanden. Doch wie die Aufklärung dokumentiert wurde, wechselte. Heute noch vorliegende Prüfprotokolle der Unternehmen enthalten nur anonymisierte Listen. Dies sei jedoch keine Besonderheit der DDR. Dagegen fehlte eine kritische Medienöffentlichkeit, sodass die Pharmaskepsis vermutlich weniger ausgeprägt war und die Hoffnung auf westdeutsche Wundermittel eher verstärkt wurde.

In einzelnen Fällen liegt der Verdacht nahe, dass westdeutsche Firmen die unterschiedliche Versorgungslage bewusst ausnutzten. Ramipril, ein ACE-Hemmer für Patienten mit Herzinsuffizienz, hätte die Firma Hoechst in Westeuropa nicht mehr gegen ein Placebo prüfen können. In der DDR dagegen gab es keinen anderen ACE-Hemmer.

Letztendlich kommen die Forscher aber zu dem Schluss, dass die zwischen 1961 und 1990 von westlichen Pharmafirmen beauftragten klinischen Studien in der DDR den damals gültigen Standards entsprachen. Der Skandal ums "Versuchslabor Ost" ist damit erst einmal etwas kleiner geworden. Dass die Standards zu Medikamententests an Menschen allerdings in vielen Aspekten mangelhaft waren, ist auch klar. Schließlich sind sie das bis heute. Gerade erst tut sich etwas in Sachen Transparenz. Und da die Patientenperspektive fehlt, wäre auch in Sachen Aufarbeitung noch Luft nach oben.