Ein Aloe-Vera-Blatt © M/Michele Constantini/dpa

"Nicht einmal die Füße würde ich mir damit eincremen!", schimpft ein Dozent, als wir in einer Chemie-Vorlesung über Inhaltsstoffe von Feuchtigkeitscremes sprechen. In fast jeder Creme seien Erdölabfallprodukte enthalten, sagt er. Paraffinum liquidum zum Beispiel oder Petrolatum würden zahlreichen Kosmetika als Schmierstoffe zugesetzt. Wir müssten nur die Verpackung gründlich lesen, dann wüssten wir Bescheid.

Sieben Jahre ist das her. Damals bin ich gerade in der Ausbildung zur medizinisch technischen Laborassistentin. Die Warnung meines Dozenten lässt mich nicht mehr los. Von nun an studiere ich die Listen der Inhaltsstoffe, die in winzigen Lettern auf den Packungen von Make-up, Zahnpasta, Shampoo oder Handcreme stehen. Fast in allem finde ich bedenkliche Stoffe. Das meiste aus meinem Badezimmer landet im Müll. Einkaufen im Drogeriemarkt dauert jetzt jedes Mal mindestens eine Dreiviertelstunde.

Apps, die am Barcode des Produktes ablesen, was drin steckt, gibt es noch nicht. Ewig stehe ich also vor den Regalen, lese die Etiketten, google jede Zutat. Mit der Zeit finde ich kaum noch Produkte, die mir geheuer sind. Naturkosmetika schneiden auch nicht besser ab. Informationen zu beschaffen ist schwer, die Datenlage zu vielen Inhaltsstoffen dürftig. Irgendwann nervt mich das so sehr, dass ich einen Beschluss fasse: Ich mache meine Kosmetik ab jetzt selbst.

Rezepte aus Blogs, Zutaten aus Onlineshops

Ahnungslos, wo ich anfangen soll, durchstöbere ich Blogs auf der Suche nach Rezepten. Vor allem auf US-amerikanischen Seiten werde ich fündig. Vielleicht, weil in den USA mehr Chemikalien für Kosmetika zugelassen sind als in Europa, wo Behörden Verbraucher stärker schützen. Viele der US-Blogger misstrauen der Industrie, fürchten fast jedes Fertigprodukt als Alzheimer- oder Krebs-Auslöser und zelebrieren den Kult um die Do-it-yourself-Kosmetik fast religiös. Ich sehe das weniger radikal, will aber trotzdem kontrollieren, was meine Pflegeprodukte enthalten.

Ich habe eine ungefähre Ahnung von meinem Hauttyp: Eher trocken, aber sonst pflegeleicht. Das ist meine einzige Orientierung, Trial and Error mein Prinzip. Passende Rezepte finde ich vergleichsweise schnell. Die Zutaten zu bekommen, ist schon schwieriger. Ich ziehe durch Bioläden, klappere Onlineshops nach Ölen, Kräuterwässerchen und Tinkturen ab. Es dauert Wochen. Billig ist es auch nicht. Ich tröste mich damit, dass viele Zutaten für mehrere Produkte reichen und sich die Kosten amortisieren werden.

Bio ist nicht fair

Schnell merke ich: Wenn ich nur ökologisch Kontrolliertes oder sogar fair Produziertes verwenden will, ist das noch teurer und erfordert eine intensive Recherche. Für meine eigenen Mixturen gilt genau wie für fertige Naturkosmetik: Bio ist nicht gleich fair.

Ein Beispiel ist die Kokosnuss-Ernte auf den Philippinen. Das aus den Nüssen gewonnene Kokosöl ist eine beliebte Zutat, nicht nur in der Naturkosmetik. Doch dort, wo es herkommt, leben viele Bauern in extrem armen Verhältnissen, die Erlöse ihrer Kokosnuss-Produkte kommen kaum bei ihnen an. Die Farmer bauen die Bäume in Monokultur an, bestellen also ihre Felder immer wieder mit den gleichen Pflanzen. Das beutet die Böden aus und kann auf Dauer die Ernte gefährden.

Faire Produktion bedeutet, dass Konzerne die Nüsse zu fairen Preisen abkaufen, sodass sich die finanzielle Situation der Bauern verbessert und Kinder nicht mehr auf den Plantagen arbeiten müssen. Die Bauern sollen lernen, ihre Felder nachhaltig und unter sicheren Arbeitsbedingungen zu bestellen. Gute Wasserversorgung und Müllbeseitigung gehören dazu.

Hautcreme wie körniger Frischkäse

Unter welchen Arbeitsbedingungen Bio-Kokosnüsse gepflückt werden, spielt für die Bio-Kennzeichnung aber nicht unbedingt eine Rolle. Die Nüsse müssen ökologisch angebaut werden, ohne Gentechnik und chemisch-synthetische Zusätze wie Pflanzenschutzmittel oder Kunstdünger. Das ist die oberste Priorität.

Allein darauf zu achten, dass alle Zutaten bio sind, ist extrem aufwendig. Ich verzichte deshalb darauf, auch noch zu prüfen, ob die Öle und Wässerchen fair produziert sind und bestücke meinen Kosmetik-Baukasten nur mit ökologisch kontrollierten Stoffen. Mein erstes DIY-Produkt: Eine Hautcreme. Ich finde ein Basisrezept aus Kokos- und Mandelöl, Kakaobutter, Bienenwachs, Sheabutter, Wasser und Aloe-Vera-Gel. Nach Lavendel soll die Creme riechen. Dafür habe ich ätherisches Öl gekauft.

Harmloser Lippenstift? Was wirklich in unserer Kosmetik steckt © Illustration ZEIT ONLINE/Miles Willis/Getty Images

Die Anleitung: Ölige Bestandteile sanft erhitzen, damit sie flüssig werden. Wenn sie abgekühlt, aber noch nicht fest sind, wässrige Zutaten unterrühren: Herauskommen soll eine Emulsion, also ein feines Gemisch aus zwei Flüssigkeiten, die sich nicht ineinander lösen können.

Der Versuch geht daneben. Ich bin zu ungeduldig, verquirle alles zu früh, die wässrigen Zutaten gehen nicht vollständig in den Ölen auf. Das Ergebnis ist eine Paste, die optisch an körnigen Frischkäse erinnert. Die wässrigen Anteile, die es doch in die matschige Masse geschafft haben, laufen mir direkt das Gesicht herunter beim Versuch, mich damit einzucremen.