Eine Apotheke in Frankreich © Fred Tanneau/AFP/Getty Images

Stéphane Schubhan ist verzweifelt. Überall hört er Beteuerungen, dass keiner einen Fehler gemacht habe. Und er? Der 42-jährige Fotograf sieht die Welt noch immer doppelt und leidet unter Schwindel und Schwächeanfällen.

Schubhan ist einer von sechs Teilnehmern eines Medikamententests im französischen Rennes. Er wollte sich 1.900 Euro bei dem Forschungsinstitut Biotrial hinzuverdienen. Ab dem 7. Januar 2016 sollten er und die anderen Männer dort zehn Tage lang jeweils 50 Milligramm des Wirkstoffes BIA 10-2474 einnehmen. Sie waren die ersten Menschen, denen das Mittel des portugiesischen Pharmaunternehmens Bial, das unter anderem gegen Angststörungen und Parkinson helfen sollte, mehrmals verabreicht wurde.

Nach wenigen Tagen klagte der Künstler Guillaume Molinet über Kopfweh und Schwindelgefühle, am 10. Januar wurde er in die Uniklinik in Rennes eingeliefert. Schubhan hatte ähnliche Symptome, kam aber erst drei Tage später ins Krankenhaus. Molinet starb; Schubhan war zeitweise nicht mehr imstande, sich zu rühren. Vier weitere Tester erlitten ebenfalls Hirnschäden. "Irreversibel", urteilte der behandelnde Neurologe kurz nach den Vorfällen. Von den französischen Behörden hieß es dagegen in den letzten Wochen, die Versuchsteilnehmer hätten sich gut erholt. Schubhan widerspricht. Das sei mitnichten der Fall, erzählte er der französischen Zeitung Le Maine libre.

Die Informationen tröpfeln an die Öffentlichkeit

 Es ist nicht die einzige Ungereimtheit bei der Aufklärung des tragischen Falles. Nur dürftig tröpfeln die Informationen an die Öffentlichkeit, wie ZEIT ONLINE bereits berichtete. Anfang Februar stellte die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine einen Zwischenbericht der Generalinspektion für soziale Angelegenheiten vor. Dieser macht vor allem dem Forschungsinstitut Biotrial, in dessen Laboren der Medikamententest vorgenommen wurde, schwere Vorwürfe: Man habe die Studie nicht rechtzeitig abgebrochen, die weiteren Probanden nicht angemessen informiert und den Vorfall zu spät den Behörden gemeldet. Biotrial weist diese Vorwürfe von sich.

Mehrere Hunde und ein Affe waren gestorben

Nun kommen neue Details ans Licht. Bereits in den Tierversuchen zuvor seien mehrere Hunde und ein Affe gestorben, deckte in der letzten Woche die Zeitung Le Figaro auf. "Das kann ein echtes Warnsignal sein", wird Daniele Piomelli vom Institut für Neurobiologie und Pharmakologie an der Universität von Kalifornien in Irvine zitiert. Das inzwischen einberufene Expertengremium der französischen Arzneimittelbehörde ANSM, das diesen Fall ebenfalls untersucht, beteuert indes, dass der Tod dieser Tiere nicht ungewöhnlich sei. Und Bial erklärt gegenüber dem Tagesspiegel, die Hunde wären "an pulmonaren Läsionen" erkrankt.

Aber was sind das für Verletzungen der Lunge und was bedeutet der Tod der Hunde? Die Entwicklung von Medikamenten kommt nicht ohne Tierversuche aus. Bevor ein Mensch einen Wirkstoff nimmt, wird die Sicherheit unter anderem an Tieren überprüft. "Dazu gehört, dass man Tieren sehr hohe Dosierungen verabreicht. So will man erfahren, welche Wirkungen eintreten und ab wann ein Medikament gefährliche Nebenwirkungen verursacht", sagt Thorsten Ruppert, Experte für präklinische Entwicklung beim Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA).

Griff das Immunsystem den eigenen Körper an?

Unter Pharmaforschern heißt es deshalb: "Drugs kill dogs and dogs kill drugs" (soll heißen: Hunde, die bei Medikamententests sterben, vernichten das Medikament). Zumindest können sie die Entwicklung erheblich verzögern. Bial bereitete nach eigenen Angaben ab 2005 die Tierversuche vor, erst 2009 starteten sie. Ruppert bestätigt, dass das auf den ersten Blick ein ungewöhnlich langer Zeitraum sei. "Das kann aber auch andere, etwa finanzielle Gründe, haben", sagt er.