Michelangelos wichtigstes Werkzeug waren seine Hände. Mit ihnen erschuf er die atemberaubenden Fresken in der sixtinischen Kapelle, formte den Marmor für das pompöse Grabmal für Papst Julius II. und soll noch sechs Tage vor seinem Tod mit Hammer und Meißel an seinen Werken gearbeitet haben. In seinem letzten Lebensdrittel muss seine Arbeit besonders anstrengend gewesen sein, denn Michelangelo soll unter Arthrose gelitten haben (Journal of the Royal Society of Medicine: Lazzeri et. al., 2016).

Die schmerzhafte Erkrankung, bei der Knorpelgewebe schneller abgebaut wird, als es sich nachbildet, kann in allen Gelenken auftreten. Besonders häufig sind Hände, Knie und Hüften betroffen. Patienten haben häufig starke Schmerzen, können sich schlecht bewegen und ihre Gelenke versteifen. Viele Betroffene, meist Menschen ab dem 50. Lebensjahr, schlucken Schmerzmittel, die es ohne Rezept in der Apotheke gibt: Paracetamol zum Beispiel. Dazu raten auch manche Ärzte. Schweizer Forscher haben nun aber eine Untersuchung veröffentlicht mit dem Ergebnis, dass Paracetamol auf Arthroseschmerzen nur einen verschwindend geringen Effekt hat (The Lancet: de Costa et. al., 2016).

Bruno de Costa von der Uni Bern und seine Kollegen haben 74 Studien begutachtet, die zwischen 1980 und 2015 durchgeführt wurden. Sie umfassen Daten von 58.556 Knie- und Hüft-Arthrose-Patienten. 22 Behandlungsmethoden mit Schmerzmitteln wie Paracetamol, Diclofenac oder Ibuprofen wurden mit der Wirkung von Placebotabletten verglichen. Zwar schnitten alle Medikamente besser ab als die wirkungslosen Attrappen. Doch egal, wie hoch Paracetamol dosiert wurde: Es linderte die Schmerzen nicht genug, um einen klinisch relevanten Unterschied zu den Placebos feststellen zu können.

Was nicht wirkt, wird schnell überdosiert

Besser wirkten Diclofenac, Ibuprofen und Etoricoxib. Diese nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) linderten die Schmerzen deutlich. Selbst das starke Mittel Diclofenac schaffte das aber nur in seiner höchsten zulässigen Tagesdosis von 150 Milligramm. Das schwächere Ibuprofen musste 16-mal so hoch dosiert werden – was erlaubt, aber ziemlich viel ist.

Was die Studienautoren herausgefunden haben, sei nicht absolut überraschend, schreiben der Pharmakologe Nicholas Moore und seine Kollegen von der Universität Bordeaux in einem Kommentar zur Studie (The Lancet: Moore et. al., 2016). Die schwache Wirkung von Paracetamol insbesondere bei schweren Arthroseschmerzen ist unter Wissenschaftlern schon einige Jahre bekannt. Die neue Studienauswertung zeige, dass intensiver an der Wirkung alternativer Schmerzmittel geforscht werden müsse. Heute gibt es bereits besser verträgliche NSAR. Weil sie aber noch zu neu sind, kommen sie in der Analyse der Schweizer Forscher nicht vor.

Gegen leichtere Kopf- oder Rückenschmerzen nehmen viele Menschen Paracetamol, weil es vergleichsweise gut verträglich und günstig ist. Solange Gelenkschmerzen nur leicht auftreten, kann das Mittel sie etwas lindern. Für solche Fällen empfehlen es auch Patientenverbände. Um aber starke Schmerzschübe zu behandeln, raten auch sie von der Einnahme ab.

Das Robert Koch-Institut empfiehlt dagegen Paracetamol, um reine Schmerzen durch Arthrose zu lindern. Erst wenn sich die Gelenke entzünden, solle der Betroffene zu NSAR greifen. Das Problem: Lindert Paracetamol die Schmerzen nicht, dosieren die Menschen höher. Das kann zu lebensbedrohlichen Vergiftungen führen, die sich nur schleichend bemerkbar machen. Nach einer Überdosis wird Patienten häufig übel und sie bekommen heftige Bauchschmerzen. Lassen sie sich in den ersten acht Stunden behandeln, überstehen sie die Vergiftung meist ohne Folgeschäden. Nach 24 Stunden ohne Behandlung treten oft schon irreparable Schäden der Leber auf: Anzeichen dafür sind Gelbsucht, Unterzuckerung und erhöhte Blutungsneigung.

Warum Menschen mit Arthrose nicht einfach die besser wirksamen NSAR nehmen? Weil die teils erhebliche Nebenwirkungen haben – vor allem, wenn man sie länger nimmt. Sie reizen die Magenschleimhaut, teils bis sich Geschwüre bilden. Auch die Nierenfunktion sollen sie beeinträchtigen. Manche der Mittel stehen im Verdacht, das Herzinfarktrisiko zu steigern. Das schreckt viele ab.

"Viele Patienten leiden möglicherweise unnötig", schreibt er. Im Zusammenhang mit NSAR seien vielen nur die Risiken bekannt. Von Paracetamol kennen viele nur die vermeintlichen Vorteile.