Alle immer dicker? Zu wenig Sport? Zu viel fettiges Essen? Eine echte Überraschung ist es nicht, wenn Forscher melden, die Zahl der Übergewichtigen wachse. Diesmal ist aber doch etwas neu: Noch nie zuvor haben auf der Erde mehr Übergewichtige als Untergewichtige gelebt. Im Vergleich zu heute waren 1975 noch mehr als doppelt so viele Menschen krankhaft untergewichtig als fettleibig.

Wer nun glaubt, niemand würde mehr hungern, wird enttäuscht: Extrem arme Menschen mit Untergewicht gibt es weiterhin, während in Industrieländern und Staaten, deren Wohlstand wächst, immer mehr Frauen und Männer so dick werden, dass es ihrer Gesundheit schadet.

Konkret hat die Menschheit innerhalb von 40 Jahren pro Jahrzehnt 1,5 Kilo zugelegt. Im Durchschnitt natürlich. Im Jahr 2014 lebten rund 641 Millionen adipöse Menschen. Das sind mehr als sechs Mal so viele wie Mitte der 1970er Jahre.

Nie zuvor haben Wissenschaftler wohl derart genau die Gewichtsschwankungen der Menschheit analysiert wie in der Studie, die nun im Medizinmagazin Lancet erschienen ist (NCD Risk Factor Collaboration, Lancet, 2016). Ihre Daten beziehen die Autoren um den Londoner Forscher Majid Ezzati auf Männer und Frauen ab 18 Jahre. Demnach waren weltweit 10,8 Prozent aller Männer und 14,9 Prozent aller Frauen im Jahr 2014 übergewichtig. 1975 traf das nur auf 3,2 Prozent der Männer und 6,4 Prozent der Frauen zu (Auf ncdrisc.org können Sie alle Daten als Grafiken betrachten). 

Forscher warnen vor Epidemie der Fettleibigkeit

Der Harvard-Professor Ezzati forscht an der School of Public Health am Imperial College in London. Mit Hunderten internationalen Wissenschaftlern wertete er rund 1.700 Bevölkerungsstudien aus 186 Ländern aus den Jahren 1975 bis 2014 aus. Die Daten von 19,2 Millionen Menschen wurden dabei berücksichtigt. Ohne "eine kluge Ernährungspolitik und verbesserte Gesundheitsvorsorge" werde es eine heftige Fettleibigkeitsepidemie geben. In zehn Jahren dürfte fast jeder fünfte Erdenbewohner krankhaftes Übergewicht auf die Waage bringen.

Entwicklung von 1975 bis 2014: Der Anteil der Männer weltweit, die fettleibig sind in Prozent (BMI über 30). Je röter die Einfärbung, desto größer ist der Anteil im jeweiligen Land; rot ist ein Anteil von mehr als 40 Prozent. © NCD Risk Factor Collaboration

Und das ist mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes verbunden, um nur die häufigsten gesundheitlichen Probleme zu nennen. Kommt mangelnde Bewegung hinzu, kann das den Blutdruck erhöhen. Gefäßverkalkungen sind unter zu dicken Menschen häufiger. Damit werden Herzinfarkte, Schlaganfälle und somit ein früherer Tod wahrscheinlicher. Mitunter erhöht sich auch das Risiko, an bestimmten Arten von Krebs zu erkranken. 

Knie und Hüften werden stärker belastet, je mehr Gewicht sie tragen – Gelenkschäden können die Folge sein. Nicht selten müssen Betroffene irgendwann deshalb operiert werden.

Entwicklung von 1975 bis 2014: Der Anteil der Frauen weltweit, die fettleibig sind in Prozent (BMI über 30). Je röter die Einfärbung, desto größer ist der Anteil im jeweiligen Land; rot ist ein Anteil von mehr als 40 Prozent. © NCD Risk Factor Collaboration

Um das Maß an Übergewicht zu ermitteln, nutzten die Wissenschaftler den nicht unumstrittenen Body-Mass-Index (BMI). Er lässt sich leicht berechnen: Man teilt den Wert für das eigene Körpergewicht (in Kilogramm) durch die eigene Größe (in Metern) zum Quadrat. Das Ergebnis: Jeder, der auf einen Wert zwischen 18,5 und 25 kommt, gilt zunächst als normalgewichtig. Darunter beginnt Untergewicht, ab einem Wert von 30 fängt die Fettleibigkeit an (Wie sich der BMI seit 1975 verändert hat, sehen Sie hier für Männer und hier für Frauen).

Allerdings stößt der BMI zum Beispiel an seine Grenzen, wenn Menschen besonders groß oder klein sind. Hochgewachsenen kann die Formel rasch Übergewicht andichten, kleinere Menschen wirken dagegen schlanker, als sie sind.

Abnehmen mit Sport oder Light-Produkten? ZEIT ONLINE räumt mit Diät-Mythen auf und gibt Tipps. © Armin Weigel/dpa

In Deutschland fällt nach dieser Einteilung etwa jeder Fünfte in die Kategorie der Adipösen (BMI von mehr als 30). Das zeigen auch Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Um diesem Trend entgegenzusteuern, gibt es mehrere Ansätze. Mediziner raten Betroffenen dazu, ihre Ernährung umzustellen, Sport zu treiben, manchen kann eine Verhaltenstherapie helfen. Einige werden auch mit Medikamenten behandelt, die unter anderem den Stoffwechsel ankurbeln, die Fettaufnahme im Darm hemmen oder auch den Appetit zügeln. Viele der Arzneien haben teils gefährliche Nebenwirkungen und helfen auch nur bei dauerhafter Einnahme (Saltiel, Science Translational Medicine, 2016).

Magenverkleinerungen sollen von Ärzten in Deutschland erst ab einem BMI von 40 in Betracht gezogen werden. Tatsächlich können sie mitunter das Leben der Patienten verlängern (Arterburn et al., Jama, 2015).

Allerdings muss Übergewicht nicht zwangsläufig katastrophale Folgen für den Körper haben. Es gibt auch eine geringe Anzahl Betroffener ohne Anzeichen etwa für Herz-Kreislauf-Probleme.