Stellen wir uns ein Mädchen vor: elf Jahre alt, ruhig und eher zurückgezogen, in der Schule fällt es kaum auf und hat gute Noten. Sagen wir, das Mädchen heißt Maja. Wenn Maja von der Schule nach Hause kommt, kocht sie ihr Mittagessen selbst. Anschließend spült sie und putzt die Küche oder das Bad. Manchmal geht sie noch einkaufen, wenn der Kühlschrank wieder leer ist. Am späten Nachmittag, wenn ihre Mitschüler draußen mit Freunden spielen, macht Maja ihre Hausaufgaben.

Maja geht noch zur Schule, aber sie führt einen Haushalt wie eine Erwachsene. Nicht, weil sie keine Eltern hätte oder weil die nie da wären. Majas Mutter ist sogar oft zu Hause, auch während das Mädchen kocht, putzt und einkauft. Aber die Frau schafft es nicht, diese alltäglichen Aufgaben selbst zu bewältigen, denn Majas Mutter leidet gerade an einer Depression.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Maja könnte auch Thomas oder Ebru heißen und erst fünf oder schon 15 Jahre alt sein. Kinder, die mit einem depressiven Elternteil zusammenleben, gibt es in allen Gesellschaftsschichten, Kulturkreisen und Altersklassen. Mindestens 600.000 sind es in Deutschland, wahrscheinlich sogar noch viel mehr. Die Zahl ist eine Schätzung des Psychologen und Buchautors Fritz Mattejat und schon mehrere Jahre alt. Wie viele Kinder tatsächlich betroffen sind, ist schwer zu sagen.

In der Schule sind die Kinder unauffällig

Denn diese Kinder fallen nicht auf. Sie reden selten offen über die Probleme in der Familie. Gerade im Kindergarten- und Grundschulalter fühlen sie sich den Eltern gegenüber zu Loyalität verpflichtet und haben Angst, dass die Situation zu Hause vollends außer Kontrolle gerät, wenn ein Außenstehender davon erfährt.

Mit einem Menschen zusammenzuleben, der an einer depressiven Episode leitet, ist für Angehörige fast immer eine Herausforderung. Die Stimmungslage des Kranken wirkt sich zwangsläufig auf die ganze Familie aus – wenn er sich etwa zurückzieht, nichts mehr unternehmen möchte und in Traurigkeit versinkt. Häufig leiden dann Beziehungen und Angehörige. Besonders schwer ist die Situation allerdings für die Kinder, wenn ihre Eltern wiederholt Depressionen haben. "Kinder reagieren sensibel auf die Stimmungen der anderen und können nicht verstehen, warum der depressive Mensch unbeständig in seiner Zuwendung ist und zeitweise vollkommen unerreichbar oder ungerecht", schreibt die Psychologin Jeannette Bischkopf in ihrem Ratgeberbuch So nah und doch so fern.

Denn in gesunden Phasen sind Menschen mit Depressionen häufig sogar sehr altruistisch. Sie sind oft besonders verantwortungsvoll und gern für andere da. Umso schwerer wiegt es, wenn sie plötzlich wie ausgetauscht erscheinen und das Kind nicht versteht, warum.

Die Hilfe von Psychologen ist wichtig

In Onlineforen oder auf Blogs offenbaren jugendliche oder erwachsene Betroffene, dass sie sich seit ihrer Kindheit wertlos fühlen und sich selbst die Schuld an der Krankheit der Mutter oder des Vaters geben.

Der Grundstein für solche Minderwertigkeitsgefühle wird oftmals in der frühen Kindheit gelegt. "Einer depressiven Mutter fällt es beispielsweise schwer, die Signale ihres Babys zu deuten und ein Feingefühl für seine Bedürfnisse zu entwickeln", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Helmut Remschmidt. Möglicherweise lächle sie den Säugling auch weniger an und spiele seltener mit ihm. In depressiven Phasen fällt es Müttern schwerer, eine tiefe Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Das heißt zwar nicht, dass das Kind bleibende Schäden davontragen muss, dennoch ist die Hilfe von Psychologen in dieser Situation wichtig: In manchen Kliniken üben Therapeuten mit den erkrankten Müttern, wie sie ihre Kinder trotzdem gut umsorgen können. Auch auf die Mütter wirkt so eine Unterstützung therapeutisch, denn natürlich lieben sie ihr Kind und leiden selbst darunter, dass sie nicht hundertprozentig für es da sein können.