Es gibt Menschen, für die existiert Natalie Grams nicht. In ihren Augen ist die Ärztin eine Lüge. Geschaffen von der mächtigen Pharmaindustrie, um gegen all das zu wettern, an das diese Menschen glauben. Andere blenden sie nicht aus. Sie schreiben ihr. Böse Briefe, in denen solche Sätze stehen: "Frau Dr. Hastenichtgesehen, von wem lassen Sie sich eigentlich das Geld in das Gesäß schieben?"

Wenn es nur wahr wäre. Das mit dem Geld. Dann hätte sie heute ein paar Sorgen weniger. Die begannen, als ihr Buch Homöopathie – neu gedacht herauskam. 2012 hatte die damals überzeugte Homöopathin begonnen, es zu schreiben. Furios sollte es werden und wissenschaftlich untermauern, warum die verdünnten Wirkstoffe in Form von Tröpfchen und Globuli so vielen Menschen helfen. Den unbelehrbaren Skeptikern wollte sie endlich etwas entgegensetzen. Als erfolgreiche Homöopathin hatte sie damals Politiker, Top-Manager und Mediziner therapiert. Sie folgte der Lehre von Samuel Hahnemann, der die Homöopathie mit seinem Werk Organon der Heilkunst Anfang des 19. Jahrhunderts begründet hatte. Zugewandt sein, auf den Einzelnen eingehen, ein ganzheitlicher Ansatz – von all dem war Grams überzeugt. Und es passte zu ihr: Sie ist ein Mensch, dessen ganzes Wesen lächelt.

Für Homöopathen ein "Schmähbuch"

Ihr Buch hat sie geschrieben. Nur steht nichts mehr von dem drin, was sie sich vorgenommen hatte. Es stellt die komplette Homöopathie in Frage – als eine irrige Heilslehre, die wenn überhaupt so viel ausrichtet wie ein Placebo. Deren Anhänger stehen darin da wie eine sture Glaubensgemeinschaft, die sich weder von Fakten noch vom Fortschritt beirren lässt. Das Leben der Autorin und einst überzeugten Alternativmedizinerin ist seitdem nicht leichter geworden.

Natalie Grams ist Ärztin und war überzeugte Homöopathin. Bis sie für ein Fachbuch recherchierte und den Wirkmechanismus auf den Grund gehen wollte. © Privat

Wir treffen uns Anfang April. Von dem, was seit der Veröffentlichung vor einem Jahr passiert ist, hat sich Natalie Grams nicht ganz erholt. "Als Homöopathin hatte ich nicht nur Patienten mit Bagatellerkrankungen", erzählt sie. Zu ihr kamen Menschen mit Allergien, Asthma oder Darmerkrankungen, ja sogar mit Krebs. "Deren Beschwerden verbesserten sich ja wirklich", sagt sie und schaut dabei etwas entschuldigend.

Sie sitzt im kargen Raum des Frankfurter Gewerkschaftshauses und betreibt "Hetze", wie es manche ihrer einstigen Weggefährten bezeichnen. Dort stellt sie zwei neue Informationsportale vor, auf denen sich Experten kritisch mit der vermeintlichen Wirkung der Homöopathie auseinandersetzen.

Das erste – das netzwerk-homoeopathie.eu – erläutert, warum so viele Menschen gerne an die Homöopathie glauben. Vieles, was die Mittel bewirkten, liege eigentlich an der Zuwendung des Arztes oder sei einfach ein normaler Krankheitsverlauf, heißt es dort. Und es beschreibt Nebenwirkungen der Homöopathie, die mitunter tödlich sind. Dann nämlich, wenn Patienten nur auf die Alternativen vertrauen und lebenswichtige Behandlungen ablehnen. Das zweite Portal, homöopedia.eu, nimmt die zweifelhaften wissenschaftlichen Grundlagen der Homöopathie auseinander.

Sie wollte Menschen helfen. Schon immer

Als Grams in den 1990er Jahren in München und dann in Heidelberg Medizin studierte und promovierte, war sie beseelt von der Idee, Menschen zu helfen. Die Ernüchterung kam schnell, schon mit den ersten Erfahrungen als Krankenhausärztin. "Etwas mehr als eine Minute pro Patient", erinnert sie sich. Anders war die Arbeit nicht zu schaffen. In jener Zeit erlitt sie selbst einen Unfall. Als Patientin vertraute sie zusätzlich zu klassischen Mitteln auf eine Homöopathin. Die Schmerzen ließen durch die Mittel nach, was sie überzeugte. Viele Kommilitonen hätten sich damals wie sie begeistert den Alternativen zur Schulmedizin zugewandt. Hinterfragt habe die Methoden kaum jemand. "Ich auch nicht", sagt Grams.