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Fast 40 Jahre haben Gesundheitsbehörden gesagt, wir sollten uns anders ernähren. Ihre Warnungen stützen sich auf das, was führende Ernährungswissenschaftler vorgaben. Wollen wir gesund bleiben, dürften wir nicht mehr so viele gesättigte Fette und Cholesterin essen.

Im Großen und Ganzen haben wir das gemacht. Jedenfalls in den westlichen Industriestaaten. Steaks und Würstchen wurden durch Nudeln und Reis ersetzt, Eier durch Müsli und Butter durch Margarine und pflanzliche Öle. Doch anstatt gesünder zu werden, wurden wir dicker und kranker. In den Jahrzehnten, die auf diese Ernährungsempfehlungen folgten, stieg die zuvor recht stabile Zahl von Fettleibigen vor allem in Amerika und Großbritannien dramatisch. Derselbe Trend zeigte sich auch in anderen Ländern. Erstmals in der Geschichte der Menschheit gibt es auf der Welt mehr Über- als Untergewichtige (Lancet: NCD Risk Factor Collaboration, 2016). Auch die Erkrankungen, die mit Übergewicht in Verbindung stehen, nahmen stetig zu. Was ist schiefgelaufen?

Die Katastrophe war vorhersehbar. Und sie hätte verhindert werden können, hätten wir nicht auf die arroganten und kurzsichtigen Thesen einiger Experten vertraut. Auf den einen, der schon 1972 in seinem Buch Pure, White and Deadly (Pur, weiß, tödlich) vor Zucker gewarnt hatte, hörte kaum jemand: John Yudkin.

"Würde nur ein Bruchteil dessen, was wir über die Folgen von Zucker wissen, über irgendein anderes Lebensmittel bekannt, es würde sofort verboten", schrieb der Londoner Ernährungswissenschaftler. Zwar wurde sein Buch weltweit wahrgenommen und nachgedruckt. Doch Yudkin musste einen hohen Preis dafür zahlen. Bekannte Ernährungswissenschaftler taten sich mit der Lebensmittelindustrie zusammen, um seinen Ruf zu zerstören. Er starb 1995 als enttäuschter und größtenteils vergessener Mann.

Als Yudkin sein Buch im Jahr seiner Emeritierung schrieb, vertraten die meisten Fachkollegen eine andere Theorie, die sich zehn Jahre zuvor von den USA aus verbreitet hatte. Der Tenor: Eine gesunde Ernährung ist eine Ernährung mit wenig Fett. Yudkin, Professor für Ernährung am Queen Elizabeth College in London, führte eine kleiner werdende Gruppe von Andersdenkenden, die glaubten, Zucker – nicht Fett – sei der weit wahrscheinlichere Grund für Volksleiden wie Fettleibigkeit, Herzerkrankungen und Diabetes.

Fett ist ein prähistorisches Grundnahrungsmittel

Yudkin bemerkte, dass Zucker seit 300 Jahren ein zentraler Teil der westlichen Ernährung ist. Aus evolutionärer Sicht ist das so, als hätte der Mensch gerade erst seine erste Portion davon genommen. Gesättigte Fette dagegen sind eng mit unserer Evolution verbunden. Sie finden sich sogar in Muttermilch. Yudkins Logik zufolge wäre es wahrscheinlicher, dass uns der neue Stoff auf dem Speiseplan krank macht und nicht unser prähistorisches Grundnahrungsmittel. Außerdem war er von den wenigen angeblichen Beweisen dafür, wie schlecht Fett für uns sei, nicht überzeugt.

Doch Unterstützer der Fett-Hypothese beherrschten das Fachgebiet, allen voran US-Wissenschaftler der weltweiten Ernährungselite. Sie waren erfahren im politischen Kampf und zögerten nicht, den Ruf von jedem zu zerstören, der ihre Vorstellungen infrage stellte. Ihrem Rat folgend, rieten die amerikanischen und europäischen Regierungen ihren Bürgern, weniger fett- und und weniger cholesterinreiche Lebensmittel zu essen.

 Yudkin, dessen Vorstellungen von Zucker sich vorher stark mit der öffentlichen Meinung gedeckt hatten, wurde ausgegrenzt. Von Konferenzen wurde er ausgeladen, Fachmagazine wollten seine Arbeiten nicht mehr veröffentlichen. Seine Forschung fiel schließlich unter den Tisch. Dieser schnelle Niedergang schreckte nachfolgende Wissenschaftler ab, den Konsens infrage zu stellen. Selbst wenn einige ebenfalls daran zweifelten, dass Fett das weltweit größte Ernährungsproblem sei.

Wenn Menschen weniger Fett essen, nehmen sie normalerweise mehr Kohlenhydrate zu sich. Weil die gesättigten Fettsäuren zum größten Feind der gesunden Ernährung erklärt wurden, wurde die viel größere Bedrohung durch das vielseitigste, schmackhafteste und ungesündeste Kohlenhydrat von allen übersehen: Zucker.

Erst in den letzten zehn Jahren wurde es in Wissenschaftskreisen wieder möglich, daran zu forschen, was Zucker dem Körper antut. Gleichzeitig haben umfassende Studien nur wenige oder keine Belege dafür gefunden, dass gesättigte Fette Herzerkrankungen oder Krebs verursachen.

Der New Yorker Kinderarzt und Adipositas-Experte Robert Lustig hat den Weg für diese Forschung geebnet, nachdem er die Effekte von Zucker auf das metabolische System untersucht hatte. Sein 90-minütiger Vortrag aus dem Jahr 2009 mit dem Titel Zucker: Die bittere Wahrheit wurde mehr als sechs Millionen Mal bei YouTube angeguckt.

Inzwischen vertritt Lustig Yudkins Forschung. Die war so gut begraben, dass der New Yorker Kinderarzt nur zufällig auf einer Konferenz von einem befreundeten Wissenschaftler davon erfuhr. Er wunderte sich, dass ihm jemand mit ähnlichen Erkenntnissen zuvorgekommen war. Auf die Frage, warum sich viele Jahre lang niemand mehr den Gefahren von Zucker gewidmet hätte, sagt Lustig: "Wegen John Yudkin. Er wurde so heftig niedergemacht, dass niemand es mehr auf eigene Faust versuchen wollte."

In den USA legen einige Wissenschaftler den Fokus jetzt gemeinsam auf die Erforschung der Folgen von Zucker. Neuere Studien deuten darauf hin, dass Fettleibigkeit und Diabetes nicht allein von der Kalorienmenge abhängen, die wir zu uns nehmen, sondern davon, in welcher Form wir das tun. Zucker scheint die schlechteste Wahl zu sein. Die Studie eines Teams um Stanford-Forscher Sanjay Basu (PlosOne: Basu et al., 2013) hat untersucht, wie zuckerreich die Ernährung in 175 Ländern ist und das ins Verhältnis zur Häufigkeit von Typ-2-Diabetes gesetzt. Das Ergebnis: Dort, wo Menschen mehr Kalorien aus Zucker-Quellen zu sich nehmen als aus anderer Nahrung, steigt die Zahl der Diabetiker elfmal schneller, und zwar unabhängig davon, wie viel Sport die Menschen treiben oder wie hoch ihr Body-Mass-Index (BMI) ist.

Eigentlich ist es nichts Neues, dass Zucker schlecht für uns ist. Die britische Regierung hat kürzlich anerkannt, wie dringend das Problem ist, indem sie eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke erhob, nach dem Vorbild anderer Länder wie Frankreich

Die Industrie hat Schuld? Nicht allein

Im Zuge dieses Wandels wird immer deutlicher, dass die Wissenschaftler und Regierungsbeamte, auf deren gute Ratschläge viele vertraut haben, etwas entsetzlich falsch gemacht haben. Über die Adipositas-Epidemie wird manchmal geredet, als sei sie die Folge höherer Gewalt – ein unglücklicher Zufall. Oft wird der Lebensmittelindustrie die Schuld zugeschoben, die sicherlich ihren negativen Beitrag geleistet hat. Aber wenn der Ernährungsratschlag, den viele die ganze Zeit über befolgt haben, grundlegend falsch war, kann man das weder der Industrie allein anlasten, noch es als einfachen Irrtum abtun: Was mit John Yudkin passiert ist, lässt anderes vermuten.

Diese Zucker-Verschwörung ist etwas, das Wissenschaftler und Ernährungsberater sich selbst und uns angetan haben.

Dieser Gastbeitrag von Ian Leslie ist eine Zusammenfassung des umfassenden Onlinedossiers "The Sugar Conspiracy", das im britischen "Guardian" erschienen ist. Dort finden Sie auch eine Hörversion in englischer Sprache.