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Wenige Menschen meiner Generation werden das theatralische Getue der Anti-Drogen-Kampagnen in den 1980er und 1990er Jahren vergessen haben. Ein Ei, brutzelnd in einer Bratpfanne, blieb haften als Sinnbild für "Dein Gehirn auf Drogen", während die First Lady der USA, Nancy Reagan, überall junge Menschen ermahnte "einfach Nein zu sagen". Dem Ganzen lag die Vision einer drogenfreien Welt zugrunde, in der Abstinenz eine Ära der Tugend und Moral einleiten würde. Bestärkt wurde sie vom exzessiv brutalen "Krieg gegen die Drogen": Eine sich ewig ausweitende globale Operation, um den Bestand illegaler Drogen zu eliminieren, globale Netzwerke des Drogenhandels zu zerstören und um unerbittlich Menschen zu kriminalisieren, die Drogen nehmen.

Heute, nachdem Milliarden von US-Dollar ausgegeben, Millionen Menschen ins Gefängnis gesteckt, und Hunderttausende umgebracht wurden, wissen wir, dass dieser Krieg grandios gescheitert ist. Er war und ist eine Verschwendung von Geld, Ressourcen und Leben. Seine Folgen sind auf der ganzen Welt zu spüren. In Latein- und Mittelamerika hat dieser Krieg ganze Gemeinden verwüstet. Die Gefängnisse in den USA sind überfüllt mit jungen Männern und Frauen, die inhaftiert und verurteilt worden sind für den bloßen Besitz von Drogen. In den Straßen der Städte auf der Krim sind gerade erst Dutzende gestorben, nachdem Russland mit der Annexion der Halbinsel das erfolgreiche Methadonprogramm der Ukraine beendet hat.

Auch ein Krieg gegen Schwarze und die Friedensbewegung

Der weltweite Sturm zu den Waffen hat weder den Bestand an illegalen Drogen noch die Nachfrage danach reduziert. Stattdessen verschärft sich die Gewalt und das unsägliche Leid, während eine angeheizte kriminelle Drogenindustrie jährlich geschätzt 320 Milliarden US-Dollar scheffelt.

Der Milliardär, Unternehmer und Abenteurer Sir Richard Branson ist Mitglied der Global Commission on Drug Policy. Die Nichtregierungsorganisation wirbt für eine neue internationale Drogenpolitik. Branson ist Gründer der Virgin Group, deren Firmen unter anderem im Musikgeschäft, Mobilfunk sowie im Luft- und Raumfahrtbereich tätig sind. © Brendon Thorne/Bloomberg via Getty Images

Als US-Präsident Richard Nixon 1971 illegale Drogen zum "Staatsfeind Nummer eins" erklärte, hatten wenige eine Ahnung davon, was ihn wirklich dazu trieb, einen weiteren Krieg anzufangen. Gerade erst hatten die USA ihren unglückseligen Einsatz in Vietnam zurückgefahren. Mit ein Grund waren sicherlich die Vereinten Nationen. Schon 1961 hatte die Weltgemeinschaft mit ihrem Einheits-Abkommen über die Betäubungsmittel als Erste festgelegt, dass Drogen – und damit jeder, der sie nimmt, herstellt oder verkauft – eine Bedrohung für die Menschheit darstellt. 1994 aber beschrieb der kürzlich verstorbene John Ehrlichmann, einer von Nixons innenpolitischen Beratern, auch zwei andere Ziele des Präsidenten: Anti-Kriegs-Demonstranten und Schwarze. "Wir wussten, wir konnten es nicht verbieten, gegen den Krieg oder schwarz zu sein. Indem wir aber die Öffentlichkeit dazu brachten, die Hippies mit Marihuana und Schwarze mit Heroin zu assoziieren und dann beides zu kriminalisieren, konnten wir diese Gruppen spalten." Viel scheint sich seither nicht großartig geändert zu haben.

Der Krieg gegen die Drogen war immer auch ein Krieg gegen Menschen: Unverhältnismäßig zielte er vor allem auf Minderheiten, die Armen und Entrechteten. In den USA machen schwarze Amerikaner nur zwölf Prozent aller Drogenkonsumenten aus. Trotzdem sind 38 Prozent aller wegen Drogendelikten Inhaftierten schwarz. Sie werden zehn Mal häufiger ins Gefängnis gesteckt als weiße Amerikaner. Ähnlich ist es für Schwarze in Großbritannien: Sechsmal wahrscheinlicher als für Weiße ist es für sie, angehalten und nach Drogen durchsucht zu werden, ungeachtet dessen, dass Drogenkonsum unter der weißen Bevölkerung viel höher ist.

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Regierungen sollten Drogenmärkte regulieren

Im Gegensatz zu den Behauptungen der Drogen-Bekämpfer haben Verbote auch die Gesundheitsrisiken erhöht, die mit jedem Drogenkonsum verbunden sind. Weil Drogen illegal sind, hat dies den Markt hin zu riskanteren, potenteren (und entsprechend profitableren) Produkten getrieben. Nutzer haben vermehrt verunreinigte Substanzen unbekannter Stärke genommen, wurden zu hochriskantem Konsum ermutigt, und an Orte gedrängt, die nicht sicher sind.

Wir müssen endlich aufhören so zu tun, als könnten wir Drogen kontrollieren. Der einzige Weg, die Kontrolle zu übernehmen, wäre es, den Drogenkrieg zu beenden, die Märkte aus den kriminellen Netzwerken zurückzuerobern, und Regierungen die Verantwortung zu geben. So kann Drogenproduktion, -versorgung und -konsum über Ärzte, Pharmazeuten und lizensierte Händler reguliert werden. Je gefährlicher eine Droge ist, desto wichtiger ist es, dass die Regierung sie vernünftig kontrolliert. Nur dann kann ein legitimes Geschäft funktionieren, in dem so gearbeitet wird, wie jetzt in der legalen Medizinindustrie. Sie folgt einem sicheren und gleichzeitig haftbaren Systemen, der durch das Gesetz geregelt ist.

Es gibt bereits Belege dafür, dass solche Wege realisierbar sind. Manche Staatsoberhäupter haben bereits die Weitsicht und den Mut gezeigt, den es braucht, um hier voran zu kommen. 2013 hat sich Uruguay entschieden, einen regulierten Cannabis-Markt aufzubauen. In den USA haben vier Staaten das Gleiche getan, weitere planen, dem Beispiel zu folgen. Im Oktober 2015 hat Kanadas neuer Premierminister Justin Trudeau versprochen, Cannabis zu legalisieren und zu regulieren. Ein Versprechen, das jetzt schnell umgesetzt werden soll.

Niemand, der sich für Reformen einsetzt, ist für Drogen

Andere Länder haben einen gesundheitsbasierten Ansatz gewählt, der sich hauptsächlich auf den Gebrauch und den Besitz von Drogen fokussiert, um damit verbundene Schäden zu reduzieren. Die Schweiz und Deutschland waren unter den Ersten, die Nadelwechsel und medizinisch betreute Konsumräume eingeführt haben. Die Schweiz und Teile Deutschlands verschreiben zudem Heroin (Diamorphin) an Langzeitkonsumenten – was Gesundheitsrisiken, Straßenkriminalität und die Zahl neu anfangender Konsumenten reduziert. Das zeigt, dass auch die riskantesten Drogen verantwortungsvoll reguliert werden können.

Besonders zu erwähnen ist Portugal. Das Land hat 2001 jede Art von Drogenkonsum entkriminalisiert und stattdessen in öffentliche Gesundheitsangebote für Menschen investiert, die Drogen nehmen. Portugals Ergebnisse sind in besonderer Hinsicht bemerkenswert: Zwischen 2000 und 2013 sind die HIV-Neuinfektionen unter Menschen, die Drogen nehmen, von 1.575 auf 78 gesunken. Zugleich ist die Zahl der durch Überdosen verursachten Todesfälle von 80 in 2001 auf nur noch 16 in 2012 gesunken. Das sind ermutigende und vielversprechende Entwicklungen, und sie zeigen, was evidenzbasierte Politik erreichen kann.

Um noch einen Mythos zu zerstören: Es gibt keinen Beweis dafür, dass Legalisierung und Regulierung zu mehr Konsum führen. Dazu muss man sich nur Alkohol und Tabak anschauen, Drogen, die komplett legal sind und hoch reguliert in Europa. Im Fall des Tabaks ist die Zahl der rauchenden Erwachsenen beispielsweise in Großbritannien von 45 Prozent in 1974 auf etwa 19 Prozent in 2013 gesunken. Als umgekehrt in den USA Alkohol in den 1920ern und 1930ern verboten war, stieg der Pro-Kopf-Konsum an Alkohol nach einem kurzen Abfall an. Der Konsum wurde befeuert durch einen riesigen illegalen Markt, betrieben von organisierten Verbrechern.

Business as usual muss aufhören

Deutschland hat früh Schadensminderung zur Priorität gemacht und erfolgreich viele Risiken für die öffentliche Gesundheit gelindert, die mit Drogenkonsum verbunden sind. Prioritäten hinsichtlich des Gesetzesvollzugs haben sich ebenfalls verschoben, sodass der Besitz gewisser Drogen für den privaten Gebrauch in den meisten Ländern nicht länger eine Strafverfolgung nach sich zieht. Als Konsequenz werden allerdings weder weitere Reformen vorangetrieben, noch werden sie energisch genug öffentlich debattiert.

Meine größte Befürchtung ist Nachlässigkeit. Weltweite Reformen sind dringend notwendig und ich hoffe, dass Deutschland seine eigenen Erfahrungen, eine Wende voranzutreiben, nutzen wird, um international Druck auszuüben. Die Drogenverträge und -konventionen der UN waren die größten Hindernisse, um effektiv zu reformieren. Europas Regierungen sollten sich mit den lateinamerikanischen zusammenschließen, um ein Ende der Business-as-usual-Politik zu erreichen.

Ein Gedanke zum Abschluss: Niemand, der sich für eine Reform der Drogenpolitik einsetzt, ist für Drogen. Niemand will Angehörige und Freunde mit einer Abhängigkeit kämpfen sehen. Aber der verfehlte Krieg gegen die Drogen war eine viel größere Bedrohung für die Sicherheit unserer Kinder. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit nie besser war, um die jetzige Politik zu prüfen und um Reformen zu diskutieren, die Gesundheit, Sicherheit und Menschenrechte an erste Stelle setzen.

Übersetzung: Saskia Gerhard

  • ZEIT ONLINE hat diese fünf Grundsätze veröffentlicht, an der sich moderne Drogenpolitik orientieren könnte.
  • Weitere Artikel und Tipps zum Umgang mit Drogen finden Sie hier im Dossier "Wie gefährlich ist der Rausch"?
  • Regelmäßig befragt ZEIT ONLINE zusammen mit dem Global Drug Survey, der weltweit größten Drogenumfrage Zehntausende Drogennutzer. Die aktuellen Ergebnisse – den ZEIT-ONLINE-Drogenbericht 2017 – können Sie hier als Kartengeschichte lesen:
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© [M] goashape/unsplash.com
Drauf wie nie?

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Der Global Drug Survey ist die größte Drogenumfrage im Netz. 115.000 Menschen nahmen teil, rund ein Drittel waren Deutsche. Aber wer genau?

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35.918 ZEIT-ONLINE-Leser

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Wir haben explizit nur Menschen gefragt, die Drogen nehmen: Wie geht es Ihnen damit? Das Ziel: Wer weiß, was er tut, schadet sich weniger.

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69 Prozent Männer und 31 Prozent Frauen nahmen teil. Im Schnitt waren sie 31 Jahre alt.

Alter und Geschlecht

69 Prozent Männer und 31 Prozent Frauen nahmen teil. Im Schnitt waren sie 31 Jahre alt.

Wer hat in Deutschland mitgemacht?

Fast die Hälfte hat einen Uni-Abschluss, 24 Prozent studieren, zwei Drittel sind fest angestellt.

Ausbildung und Beruf

Fast die Hälfte hat einen Uni-Abschluss, 24 Prozent studieren, zwei Drittel sind fest angestellt.

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Falsch. Die meisten sind für strenge Cannabisgesetze, nur sechs Prozent der Befragten fordern keinerlei Vorgaben für den Verkauf. 68 Prozent sagen, Hanfprodukte sollten nur in speziellen Läden verkauft werden, erst ab 18 (63 Prozent) und mit Hinweisen auf mögliche Schäden (52 Prozent). Mehr als ein Drittel (38 Prozent) ist für ein Werbeverbot.

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Richtig. Der Wirkstoff Psilocybin ist ungiftig und wirkt nur kurz, hohe Dosen können aber Panik und Angst auslösen. Doch berichten nur 0,2 Prozent aller Konsumenten, dass sie im letzten Jahr den Notruf 112 wählen mussten. Wer Alkohol trank, rief in 1,3 Prozent der Fälle Hilfe. Die größte Gefahr bei Pilzen: sie mit giftigen Sorten zu verwechseln.

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