Organisierte Drogenkriminalität international zu bekämpfen – das ist die Hauptaufgabe des Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung der Vereinten Nationen (UNODC). Jetzt hat es seinen jährlichen Weltdrogenreport veröffentlicht (World Drug Report 2016, hier als PDF zum Download). Demnach leiden schätzungsweise 29 Millionen Menschen an den Folgen, die illegale Drogen haben. Etwa 17 Millionen davon seien süchtig nach Opiaten, dazu gehören Heroin, Opium und Morphium. Allein 2014 habe es weltweit 207.000 Drogentote gegeben.

Der Bericht betrachtet nur illegale Drogen

Allerdings beziehen sich diese Zahlen allein auf die Gesundheitsfolgen als illegal eingestufter Drogen, etwa Kokain, Ecstasy, LSD, Crystal Meth, Heroin und zu Teilen auch Cannabis. Alkohol und Tabak – in nahezu allen Staaten legal erhältlich – werden im UNODC-Bericht nicht erwähnt. Dabei sind es diese erlaubten Rauschmittel, die statistisch gesehen im Bezug auf die Volksgesundheit die tödlichsten Folgen haben: Allein in Deutschland sterben dadurch jedes Jahr in etwa 195.000 Menschen.

Für den Einzelnen ist es natürlich gefährlicher, Heroin zu probieren als ein Glas Wein. Das Opiat ist die tödlichste verbotene Droge. In den vergangenen beiden Jahren führte etwa eine Rekordausfuhr von Opium aus Afghanistan dazu, dass Dealer in den USA Heroin sehr günstig verkauft haben, heißt es in dem Bericht. In der Folge habe sich die Zahl der Heroin-Toten in den USA zwischen 2012 und 2014 fast auf 10.800 verdoppelt. Heroin wird aus Rohopium gewonnen.

Schlechte Mohnernte – wenig Opium

Die weltweite Opiumproduktion sei im vergangenen Jahr hingegen zurückgegangen. 2015 fiel sie dem Bericht zufolge um 38 Prozent von 7.730 Tonnen auf 4.770. Die starke Abnahme führen die Autoren vor allem darauf zurück, dass die zurückliegende Ernte in Afghanistan schlecht ausgefallen sei. In dem Land am Hindukusch werden 85 Prozent des weltweiten Opiums hergestellt. Dort und in südostasiatischen Ländern züchten Kleinbauern mit Mohn den Rohstoff für Opium und Heroin, weil dies im Gegensatz etwa zum Weizenanbau mehr oder überhaupt Einkommen verspricht. Das treibt seit Jahrzehnten ganze Familien von Landwirten in die Drogenkriminalität.

Auch wenn man zum Herstellen von Heroin Opiate braucht, hat die schlechte Mohnernte die Heroin-Produktion bisher nicht ausgebremst. Im Gegenteil: Wegen großer Bestände sei diese weiterhin hoch, sagte die Hauptautorin des Weltdrogenberichts, Angela Me. "Heroin kehrt zurück." Die Droge macht nicht nur sehr schnell abhängig, sondern ist auch ein Problem, weil Konsumenten sie sich spritzen. Wenn sie benutztes Spitzbesteck verwenden, können sie sich dabei mit Krankheiten infizieren. Etwa 1,6 Millionen Heroinsüchtige seien mit HIV infiziert, sechs Millionen litten an Hepatitis C, heißt es in dem UNODC-Bericht.

Drogenhandel ist einer der größten Rohstoffmärkte

Der Kokain-Markt scheint hingegen zu schrumpfen. So fiel der Koka-Anbau zwischen 1998 und 2014 um mehr als 30 Prozent, auch dank nationaler Bemühungen im Kampf gegen Schmuggel und das organisierte Verbrechen.

Gleichzeitig wurden Bauern mit Förderprogrammen ermutigt, den Drogenanbau einzustellen und stattdessen auf alternative Pflanzen zu setzen. Drogenkartelle lassen sich allerdings nicht ausrotten, solange sie Kundschaft haben. Koka- oder Mohnplantagen zu vernichten, verlagert den Anbau der Drogenrohstoffe meist nur in andere Gebiete.

Der Handel mit Drogen ist längst einer der größten Rohstoffmärkte der Welt. Milliarden von US-Dollar werden jährlich umgesetzt. Das Paradoxe: Wenn Ermittler Dealer und Schmuggler verhaften und massenhaft Ware vernichten, kurbelt es das Geschäft für die anderen Händler sogar noch an. Denn je weniger Stoff auf dem Markt ist, desto teurer ist der, da die Nachfrage gleich hoch bleibt.

Denn die Zahl der Menschen, die verbotene Drogen nehmen, ist nahezu gleich geblieben. 2013 waren es laut Weltdrogenbericht 246 Millionen, die mindestens eine illegale Substanz nahmen, im Vergleichsjahr 2014 etwa 250 Millionen. Das entspricht in etwa der Bevölkerung von Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien zusammen. Am häufigsten werde Cannabis konsumiert. Fast 183 Millionen Menschen greifen zum Joint oder anderen Formen dieser Droge. Etwa 20 Millionen nehmen Ecstasy, fast 36 Millionen Amphetamine.

Was der Bericht auch erwähnt: Nur die wenigsten der etwa 29 Millionen Suchtkranken bekommt ausreichend Hilfe. Zudem werden diese Menschen häufig ausgegrenzt statt sinnvoll behandelt. Nur jeder Sechste werde medizinisch versorgt: also weniger als fünf Millionen Menschen.

Drogenbekämpfung verletzt Menschenrechte

Die Verfolgung der Drogenkriminalität hat außerdem neue Probleme verursacht. Der internationale Drogenhandel fördert Korruption und Gewalt, Erpressung und Mord. Zehntausende Menschen sind deshalb bereits gestorben. Seit die Regierung 2006 entschied, militärische Einheiten in den Krieg gegen die Drogen zu schicken, ist die Zahl der Tötungsdelikte etwa in Mexiko so stark gestiegen, dass die generelle Lebenserwartung im Land gesunken ist.

Die unnachgiebige Bekämpfung illegaler Drogen verletzt auch Menschenrechte. Drogennutzer werden zum Teil willkürlich festgenommen, inhaftiert, in manchen Ländern droht ihnen die Todesstrafe, ihnen wird lebenswichtige medizinische Versorgung verweigert, ganze ethnische Gruppen werden diskriminiert. Beispielsweise in den USA und in Großbritannien, wo Menschen mit dunkler Hautfarbe viel häufiger auf Drogenbesitz geprüft, deutlich mehr Schwarze als Weiße wegen Konsum und kleinerer Drogenvergehen verurteilt werden. In Gefängnissen in manchen asiatischen Ländern werden wegen Drogen straffällig gewordene Menschen geschlagen und gefoltert, um Informationen über Händler, Anbauer und Kuriere zu erzwingen.

Neue Grundsätze für eine moderne Drogenpolitik

Aus diesen Gründen werden seit Jahren die Stimmen lauter, die ein Umdenken in der internationalen Drogenpolitik fordern. Nichtregierungsorganisationen wie die Global Commission on Drug Policy setzen sich dafür ein. Ihr gehören unter anderem der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan und ehemalige Staatspräsidenten an. Sie werben für staatlich regulierte Drogenmärkte und eine Legalisierung der meisten psychoaktiven Substanzen. Zuletzt forderten führende Gesundheitsexperten der Johns-Hopkins-Universität, dass sich das Drogenproblem nur lösen ließe, wenn Regierungen mehr darauf setzen würden, Menschen aufzuklären statt zu kriminalisieren. Wer Drogen nehme, dem sollte geholfen werden, seinen Konsum so zu gestalten, dass er die geringstmöglichen Schäden nach sich ziehe. Zudem sei bei Weitem nicht jeder, der Drogen nimmt, abhängig: Nur elf Prozent aller Menschen, die Alkohol, Tabak oder Verbotenes konsumieren, bekommen schwere gesundheitliche Probleme wie Sucht. 89 Prozent geht es im Alltag gut (Beyrer et al., The Lancet, 2016).

Alle Artikel zu Drogen finden Sie hier im Dossier "Wir gefährlich ist der Rausch?". ZEIT ONLINE hat außerdem fünf Grundsätze veröffentlicht, an der sich die Drogenpolitik orientieren könnte. Die Vorschläge können Sie hier diskutieren oder auf Twitter unter #KlugeDrogenpolitik.

Zudem befragt ZEIT ONLINE seit drei Jahren im Rahmen des Global Drug Surveys Leser zu ihrem Drogenkonsum. Die Ergebnisse dieser weltweit größten Drogenumfrage – den ZEIT-ONLINE-Drogenbericht 2016 – lesen Sie hier als Kartengeschichte:

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Reuters
30.000-Mal high

30.000-Mal high

Der Global Drug Survey ist die größte Umfrage unter Drogennutzern. Ein Drittel aller Befragten kamen aus Deutschland. Wer mitgemacht hat?

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Danny Moloshok/Reuters
Vor allem unsere Leser

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Die Daten sind nicht repräsentativ, aber hilfreich: Wie geht es Ihnen mit Drogen? Das Ziel: Wer weiß, was er tut, lebt ungefährlicher.

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Richtige Antwort. Zwar kommt es bei allen Drogen auf die Dosis an. Crack rangiert aber ganz oben, wenn es um gesundheitliche Schäden für den Einzelnen geht. Es macht abhängig und zerstört Nervenzellen. Wer Koks schnieft, ist auch nicht besser dran: Geschmacks- und Geruchsnerven verkümmern, Gefäße werden geschädigt. Auf Dauer kommen Organschäden hinzu, auch Psychosen sind mögliche Folgen.

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Richtig! So viele Menschen würden ihren Konsum im nächsten Jahr gerne reduzieren. Jeder zehnte Alkoholtrinker konnte übrigens mindestens einmal pro Monat nicht aufhören zu trinken. 13 Prozent bereuen ihr Trinkverhalten regelmäßig.

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