Wie viele Bewohner muss eine Pflegekraft pro Tag versorgen? Wie gut ist sie ausgebildet? Wie viel Zeit nimmt sie sich, um auf jeden einzugehen? Passieren in einer Einrichtung häufiger fachliche Fehler? Wie viel Geld gibt der Heimbetreiber für Mahlzeiten und Betreuung aus? Und wie gut arbeiten Ärzte und Pfleger dort zusammen?

Wer für sich oder einen pflegebedürftigen Angehörigen ein Zuhause sucht, müsste all das vorher wissen. Tatsächlich gibt es massenhaft Informationen: Prüfberichte sind öffentlich, Suchmaschinen ermöglichen es, Einrichtungen in der Nähe zu finden, bewertet nach bestimmten Kriterien. Doch wer auf diesem Weg ein gutes Heim sucht, bleibt am Ende weitgehend ratlos zurück. Denn erstaunlicherweise schneiden fast alle Heime in den Tests recht gut ab. Wie kann das sein, angesichts der furchtbaren Geschichten über menschenunwürdige Zustände und den Pflegenotstand in Deutschland?

Journalisten des gemeinnützigen Recherchebüros CORRECT!V haben sich die Daten zu rund 13.000 Pflegeheimen in Deutschland vorgenommen und neu bewertet. Herausgekommen ist ein Pflegewegweiser, der seit heute online ist.

Hier geht es zum Pflegewegweiser sowie zu allen Artikeln zum Thema auf correctiv.org.

Ein zentraler Bestandteil der Analyse war es, aus den "Pflegenoten", die Qualitätsprüfer der Kassen jährlich vergeben, die medizinisch relevanten Teile herauszulösen. Die Pflegenoten stehen seit Jahren in der Kritik, weil 77 – zu einem großen Teil wenig aussagekräftige – Komponenten zu einer Gesamtnote zusammengefügt werden. Das führt dazu, dass der bundesweite Durchschnitt trotz teils gravierender Pflegemängel bei einer 1,2 – also "sehr gut" liegt. Eine unrealistische Benotung, sagen die CORRECT!V-Journalisten.

Erhebliche Mängel in 60 Prozent aller Heime

Ihre Analyse offenbart gravierende Probleme. So fallen 60 Prozent aller Pflegeheime in Deutschland bei den jährlichen Qualitätsprüfungen der Kassen negativ auf, wenn es um den medizinisch relevanten Teil der Pflege geht: etwa um die Versorgung mit Nahrung, die Schmerzbehandlung oder die Vorsorge für Bettlägerige, damit diese sich nicht wund liegen. Mehr als ein Drittel aller Pflegeheime fällt laut den Prüfberichten bei der Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit negativ auf, berichtet das Rechercheteam.

Die Auswertung ermöglicht erstmals auch den detaillierten Vergleich zwischen Bundesländern und Landkreisen. Eines der Ergebnisse: Heimbewohner in Rheinland-Pfalz zahlen das meiste Geld für die schlechteste Pflege.

Die Daten zeigen auch, dass die Prüfergebnisse von Pflegeheimen längst nicht immer mit den Preisen für die Pflege in Einklang zu bringen sind – wie in Rheinland-Pfalz. Obwohl die Pflegeheime dort am häufigsten bemängelt werden, sind die Heime mit die teuersten in Deutschland. Ein Heimplatz für einen Bewohner mit der Pflegestufe 3 kostet dort im Schnitt 3.450 Euro pro Monat, mehr als 1.800 Euro davon müssen Pflegebedürftige privat zahlen. Auf die Frage, warum ihr Bundesland so schlecht abschneide, sagte die rheinland-pfälzische Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD), ein Ländervergleich über die Pflegenoten sei "nicht aussagekräftig".

Gute Pflege? Es kommt drauf an, wo Sie wohnen

Auch in der Personalausstattung der Pflegeheime gibt es in den einzelnen Bundesländern große Unterschiede. In Bremen arbeiten fast vier von fünf Pflegekräften in Teilzeit, im Saarland sind es nicht einmal halb so viele. In manchen Landkreisen wie dem Saale-Orla-Kreis in Thüringen arbeiten nach Daten der statistischen Landesämter sogar 90 Prozent der Pflegekräfte in Teilzeit.

Untermauert wird die Datenanalyse durch verdeckte Dreharbeiten für den Film Die Reportage: Seniorenresidenz undercover – Recherchen über Pflegeheime (Freitag, 3. Juni, 21.15 Uhr, NDR Fernsehen). Für den Beitrag ist das Team um die Autoren Gita Datta und Michael Schomers für jeweils eine Woche in zwei verschiedene Heime in Norddeutschland eingezogen. Die Reporter konnten beobachten, dass es auch in offiziell gut bewerteten Heimen entscheidende Mängel gibt. So wurden beispielsweise medizinische Anordnungen nicht ausreichend befolgt.

Daniel Drepper, Investigativjournalist und Autor, veröffentlicht im Juni parallel zu der Recherche das Buch "Jeder pflegt allein – Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht".