Meine Eltern sind 55 Jahre alt, fit und leben glücklich in unserem Heimatstädtchen im Münsterland. Trotzdem machen sie sich Gedanken über das Alter. Unser Einfamilienhaus hat zwei Etagen und keinen Aufzug. Seit einiger Zeit suchen sie daher nach einer altengerechten Wohnung, um vorbereitet zu sein.

Ich hingegen habe das Thema Altenpflege verdrängt, solange ich konnte. Es ist unangenehm, es macht mich traurig. Doch zuletzt habe ich mich immer häufiger gefragt: Wie werden meine Eltern alt? Wie kann ich sie unterstützen, wenn ich in Berlin lebe, mit dem Zug vier Stunden entfernt? Und falls ich nicht genug tun kann: Wer wird sich um sie kümmern?

Die Suche nach Antworten hat mich beunruhigt. Ich weiß nun: Unser Pflegesystem funktioniert nicht. Es scheint, als wären Pflege und Skandal untrennbar verbunden. Wir hören Geschichten von Horrorheimen, in denen Einmalwindeln auf der Heizung getrocknet werden, damit ein Bewohner sie doch noch mal tragen kann. Oder Berichte von Einrichtungen, in denen alle Bewohner am selben Tag Abführmittel bekommen, damit Pfleger sie direkt nacheinander reinigen können, um Zeit und damit Geld zu sparen. Oder von einem Heim, in dem ein alter Mann im Winter unbemerkt in den Gartenteich fällt und nahezu erfriert. Dieser Mann war mein Großvater.

Es gibt gewaltige Probleme, aber es ändert sich nichts

Das darf nicht sein. Daher haben meine Kollegen von correctiv.org und ich für unser Buch Jeder pflegt allein mehr als ein Jahr lang mit Hunderten Menschen gesprochen, mit Politikern und Behörden, mit Heimbetreibern und Pflegern, mit Angehörigen, Aktivisten, Wissenschaftlern und Mitarbeitern von Pflegekassen. Wir sind mit versteckter Kamera in zwei verschiedene Heime eingezogen. Wir haben Daten aller deutschen Pflegeheime ausgewertet und uns bislang geheime Untersuchungsberichte besorgt. Wir haben die Geschichten von Pflegern aufgeschrieben, die um gute Pflege kämpfen. Die scheitern. Und weiterkämpfen. Denn es muss sich etwas ändern.

Noch nie habe ich in einer Branche recherchiert, in der so viel Geld verteilt wird und die gleichzeitig so intransparent ist. In der so viele Menschen mitreden und sich die Entscheider gegenseitig so sehr blockieren. In der fast alle ein größeres Interesse an möglichst geringen Kosten haben als an Qualität. In der es derart gewaltige Probleme gibt – und in der sich trotzdem kaum etwas bewegt.

Daniel Drepper, Senior Reporter des gemeinnützigen Recherchezentrums correctiv.org

Wenn ich alt bin und gepflegt werden muss, in 40 oder 50 Jahren, wird es doppelt so viele pflegebedürftige Menschen geben wie heute. Es wird Hunderttausende zusätzliche Pfleger brauchen. Wo sollen die herkommen? Wer soll die bezahlen? Die Politik hat keinen überzeugenden Plan für die Zukunft der Pflege in Deutschland.

Gute Pflege für alle ist nur mithilfe einer großen Reform der Pflegeversicherung möglich, die sich auf die demografischen Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte stützt. An ihr müssten Pflegekassen, Städte, Länder und die Bundesregierung gemeinsam arbeiten. Kein Stückwerk, bei dem sich auf Landesebene alle gegenseitig behindern und am Ende niemand weiß, wo das Geld der letzten Reform eigentlich geblieben ist.

Die Politik vertritt seit Jahren die Devise: Daheim statt Heim. Angehörige pflegen ihre Alten, unterstützt von ambulanten Diensten. Entsprechend gibt es für die ambulante Versorgung – die Pflege daheim – immer mehr Geld.