Drei Menschen sind tot. Sie starben Ende Juli nach einer Behandlung in einem alternativen Krebszentrum im niederrheinischen Dorf Brüggen-Bracht. Der Mann, der sie behandelte, ist kein Arzt, sondern Heilpraktiker. Das Mittel (3-Bromopyruvat, kurz 3-BP), was er verabreichte, war kein Medikament, sondern eine ungeprüfte Substanz.

Die Staatsanwaltschaft gab nun bekannt, sie ermittle gegen Klaus Ross wegen fahrlässiger Tötung in drei und Körperverletzung in zwei Fällen. "Es gibt die Arbeitsthese, dass mit dem Wirkstoff etwas nicht in Ordnung war", sagte Oberstaatsanwalt Axel Stahl am Freitag. Möglicherweise sei der Stoff verunreinigt oder nicht richtig dosiert gewesen.

69 Tote in zwei Jahren: Starben sie alle an Krebs?

Inzwischen kursiert die Zahl von 69 Patienten, die seit Bestehen der Praxis in den vergangenen gut zwei Jahren gestorben sein sollen. Unter ihnen dürften weitere mit 3-BP behandelt worden sein. Einem Großteil von ihnen konnte nach Angaben der Staatsanwaltschaft aus schulmedizinischer Sicht nicht mehr geholfen werden. Daher gebe es keinen Anlass, die Ermittlungen auf all diese Fälle auszuweiten.

Exhumierungen seien zum jetzigen Zeitpunkt kein Thema, betonte Stahl. Allerdings sollen Mitarbeiter der niederländischen Opferhilfe Angehörige befragen, ob die Verstorbenen 3-BP bekommen hatten. Vor allem Niederländer hatten sich in der Praxis kurz hinter der deutschen Grenze behandeln lassen.

Nicht der erste Heilpraktiker-Skandal

Der Fall um Klaus Ross und sein Biologisches Krebszentrum ist der bislang größte Skandal der vermeintlich sanften und natürlichen Heilpraktikerbranche in Deutschland. Aber er ist längst nicht der einzige. Im Jahr 2009 starben Patienten eines Arztes und seiner Frau, einer Heilpraktikerin, weil ihnen Drogen verabreicht worden waren. Ende 2015 vergiftete sich eine Gruppe Heilpraktiker bei Lüneburg im Selbstversuch.

Immer wieder berichten Journalisten über die fragwürdigen Praktiken (SWR: Krebs – das Geschäft mit der Angst, 2016). Zum Teil schickten sie Scheinpatienten (Stern: Im Dschungel der Wunderheiler, 2014) mit vorgetäuschten gut heilbaren Krebsformen in die Praxen. Das Resultat: Nicht wenige Heilpraktiker rieten von einer vielleicht rettenden Chemotherapie oder Operation ab, setzten auf Taiwanische Klänge, Stromtherapien oder fließende Energie.

Die US-Website Whatstheharm.net sammelt und veröffentlicht wissenschaftlich geprüfte Fälle von Patienten, die nach alternativen, ayurvedischen, homöopathischen oder spirituellen Heilverfahren schwere Schäden davontrugen oder sogar starben. Das Informationsnetzwerk Homöopathie baut derzeit eine vergleichbare Sammlung von Fallbeispielen für Deutschland auf.

Niemand kontrolliert genau, was Heilpraktiker tun

Der Beliebtheit der Branche konnte das bisher wenig anhaben. Ein häufig angeführtes Argument für die Harmlosigkeit alternativer Methoden lautet, man höre angesichts der zigtausend Behandlungsfehler, die jedes Jahr durch Ärzte begangen würden, recht wenig von Pannen beim Heilpraktiker.

Richtig ist: Nach der Statistik des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen wurden im Jahr 2015 etwa 14.800 mutmaßliche Behandlungsfehler registriert – bezogen auf 371.302 in Deutschland tätige Ärzte. In etwa 4.000 Fällen wurde ein Fehlverhalten festgestellt.

Für Heilpraktiker liegen solche Zahlen schlichtweg nicht vor. Es ist weder bekannt, wie häufig nach alternativen Behandlungen Komplikationen auftraten noch weiß man, wie oft auf Rat eines Heilpraktikers notwendige medizinische Therapien ausblieben oder zu spät eingeleitet wurden.

13 Verbände für einen Beruf

Die Zahl der Heilpraktiker-Praxen steigt kontinuierlich. Während der Allgemeine Deutsche Heilpraktiker Verband 2005 noch rund 20.500 Praxen zählte, weist das Statistische Bundesamt für das Jahr 2014 mehr als doppelt so viele auf: 43.000. Laut der Statistik des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit müssten knapp die Hälfte davon zwischen den bayrischen Orten Coburg und Garmisch-Partenkirchen sitzen. Der größte deutsche Fachverband für Heilpraktiker (FDH) weist hingegen nur 7.300 beschäftigte Mitglieder nach. Er nimmt allerdings auch nur diejenigen auf, die in Vollzeit in diesem Beruf arbeiten.

Gleich 13 solcher Fachverbände gibt es. Fünf davon haben sich zum Dachverband DDH zusammengeschlossen. Der ist bemüht, seinen Mitgliedern Regeln und Strukturen aufzulegen. Ähnlich wie im Fall von zugelassenen Ärzten verweist eine Berufsordnung auf Sorgfaltspflichten: Heilpraktiker sollten ihre Patienten aufklären und über Risiken und Alternativen einer Behandlung informieren. Beim Dachverband gibt es auch Ansprechpartner, die Beschwerden entgegennehmen. "Das nehmen wir durchaus ernst", sagt die Vize-Präsidentin des FDH, Ursula Hilpert-Mühlig. "Wir treten dann mit den betroffenen Kollegen in Kontakt."

Das Problem: Rechtlich bindend ist die Berufsordnung nicht. Wer sich nicht daran halten möchte, wählt einfach einen Verband, der sich nicht dazu bekennt.