Millionen Deutsche kiffen gerne – dass der Erwerb von Cannabis immer noch verboten ist, interessiert niemanden wirklich. Diverse Städte diskutieren mittlerweile schon Modellversuche für Coffee-Shops, die Regierung Merkel selbst will 2017 erstmals eine Cannabisagentur schaffen und Anbau und Handel für Schmerzpatienten von Staats wegen betreiben – eine echte Zäsur in der deutschen Drogenpolitik. Die ökonomische Dimension eines möglichen legalen Cannabisgeschäfts weckt in Wirtschaftskreisen großes Interesse, nicht zuletzt wegen der guten Erfahrungen in etwa zwei Dutzend amerikanischen Bundesstaaten.

Was würde tatsächlich in Wirtschaft und Gesellschaft passieren, wenn Angela Merkel Cannabis legalisierte? Die Antwort gibt der Journalist und Schriftsteller Rainer Schmidt in seinem neuen Roman "Legal High". Auszüge aus seiner Gesellschaftssatire lesen Sie hier vorab auf ZEIT ONLINE:

Deutschland 2018. Von allen Seiten wird die Kanzlerin bedrängt, Cannabis zu legalisieren. Die Krankenkassen erhoffen sich Milliarden-Einsparungen bei Medikamenten, Industrie und Bauern setzen auf ein Riesengeschäft. Nur der Dude, der einst illegal das beste Gras der Republik herstellte, sitzt noch im Knast. Er muss dringend raus – und ins Geschehen eingreifen.

Manchmal liebte die Kanzlerin ihren Job

Die Kanzlerin blickte versonnen auf die Wiese vor dem Reichstag, überall saßen kleine Grüppchen junger Menschen auf dem Rasen, hier und da stiegen kleine Rauchwolken auf. Wahrscheinlich kiffen die alle, genau hier, unter meinen Augen, dachte die Regierungschefin, so eine Art Demo. Würde sie nicht wundern, wenn da schon die halbe Fraktion mitqualmte – auf nichts schien mehr Verlass zu sein. Schäuble dafür, Seehofer alarmiert, die Kirche nicht dagegen, viele in der Opposition durchaus positiv gestimmt, obwohl es die Sozialdemokraten mal wieder auf bemerkenswerte Art nicht schafften, ihre Vorteile bei einem Thema auszuspielen, überlegte sie geradezu gerührt. Als in Kreuzberg Anfang 2017 tatsächlich nach mehreren Anläufen der erste Modellversuch zur kontrollierten Abgabe gestattet worden war und das hervorragend funktionierte, hätte sich das SPD-regierte Berlin an die Spitze der Bewegung setzen können. Aber die verzagten Roten waren schnell auch auf diesem Feld hoffnungslos zerstritten und abgemeldet – wie fast überall sonst auch.

Rainer Schmidt hat als Redakteur beim BBC World Service gearbeitet, für das ZEITmagazin, war als "Spiegel"-Reporter unterwegs und als Autor für "Vanity Fair" tätig. Bis 2012 war er Chefredakteur des "Rolling Stone". Seit einigen Jahren recherchiert und schreibt er über Cannabis und die Folgen der Droge. Für seinen letzten Roman "Die Cannabis GmbH" (2014) wurden gerade die Filmrechte erworben. © Dieter Eikelpoth

Die Regierungschefin malte ein paar Kreise aufs Papier: Polizei, Staatsanwälte, Gewerkschaften, Kirchen, Bauern, Unternehmen, IHK, CSU, FDP (dahinter ein Smiley mit der Zahl "4–4,9 %?" in Klammern, sie konnte so witzig sein), Juristen, Grüne, Linke, SPD ("15–20 %?", noch größeres Smiley), Schäuble (Ausrufezeichen) und CDU (zwei große Fragezeichen). Zu guter Letzt noch Bild-Zeitung (drei Fragezeichen). In großen Druckbuchstaben notierte sie über den Kreisen: "L E G A L I S I E R U N G?"

Fast alle äußerten sich bereits positiv oder waren kurz davor, sich entsprechend festzulegen. Die Zeit war also bald reif. Sie würde das Land mal wieder mit einer scheinbar harten inhaltlichen Kehrtwende "überraschen" können. Sie müsste nur noch ein bisschen warten, bis die Mehrheitsverhältnisse in der Bevölkerung eindeutiger waren. Nächstes Jahr schien ein guter Zeitpunkt, mitten in der neuen Legislaturperiode.

Sie schrieb fett eine Zahl auf den Zettel: "2019!"

Bei deutlich mehr als fünfzig Prozent in mehreren aufeinanderfolgenden Meinungsumfragen würde sie zuschlagen. Diese Masche funktionierte praktisch seit Amtsbeginn. Zufrieden zerknüllte die Kanzlerin ihre Notizen und steckte sie in den Schredder neben ihrem Schreibtisch. Homo-Ehe, Transferunion, Flüchtlingsrettung, Cannabis-Legalisierung – was würde sie als Nächstes angehen, die Verstaatlichung von BMW oder Daimler? Staatlich geförderte Polygamie? Die Kanzlerin grinste. Ja, manchmal liebte sie ihren Job.

Der Dude war sprachlos

Der Dude schaute im Knast manchmal noch richtig Fernsehen, also das Programm, wie es ihm die Sender vorsetzten. Das war so wunderbar bekloppt altmodisch, er liebte es, besonders die Werbung im Vorabendprogramm. Die Treppenlifte und Hämorrhoidensalben fand er faszinierend, Knoblauchpillen und Cremes gegen Pilze jeder Art, das hatte er früher stundenlang schauen können, weil er sich nach jedem Werbeblock lebendiger, fitter und jünger fühlte als jemals zuvor. Die Welt war in diesen Minuten eine einzige Krankheit, ein ständig bedrohlicher und wuchernder Tumor, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt, die von den deutschen Pharmaunternehmen auf den Markt geworfen wurden, die sich lüstern auf jedes neue Krankheitsbild stürzten.

Diese Rendite macht Sie high!

Als er jetzt einschaltete, war alles anders. Cannabis-Creme gegen Falten, Gras-Extrakte für einen ruhigen Schlaf, Hasch-Öl für Hornhaut an den Füßen, Hanf-Pillen gegen Kopfschmerzen, Cannabis-Drops ("Mit der Extraportion CBD") gegen Rheuma, Cannabis-Drinks für "stärkere Gehirnleistung bis ins hohe Alter", Vaporizer für "gemütliche Nachmittage", fertig gerollte Joints "in allen Größen" für die Dame oder den Herrn "in den aktuellen Trendfarben", nicht zu vergessen "Bongs, mit denen jede fröhliche Runde noch fröhlicher wird". Dazu Bilder von lachenden Alten, von grinsenden Alten, rennenden Senioren, zufrieden strahlenden Senioren, unterlegt mit Bob Marley, Peter Tosh, aber auch mit alten Rock Tunes. Für die jüngeren Alten ab fünfundvierzig Jahren wurden massiv Präparate angeboten, mit denen sie der permanenten Überforderung im Beruf und im Privatleben begegnen könnten. Cannabis-Potenzmittel für "berauschende Stunden", Dope-Gels für ein "High im Ich", dazu Inhalationsstifte für "Ein spontanes Strahlen im Office" sowie THC-Kaubonbons und -Lollis für "den hellen Geistesblitz in der Konferenz am Morgen". Ganz zum Schluss kamen Anlagetipps, in denen diverse sogenannte C-Aktien, also "Cannabis-Papiere", erörtert und empfohlen wurden. "Diese Rendite macht Sie high!"

"Anlagen, bei denen Sie vor Freude einen Lachflash kriegen."

Der Dude war sprachlos. Dann wachte er endlich auf.

Draußen bahnte sich anscheinend die Legalisierung an. Irre, wenn das klappen würde, dachte der Dude, Katastrophe, wenn das ohne ihn passieren würde. Riesenkatastrophe.