Wer kommt auf die Idee, Kühe, Schweine oder Fledermäuse absichtlich mit gefährlichen Viren wie Ebola anzustecken? Wissenschaftler natürlich. Denn nur so lässt sich erforschen, wie die Krankheitserreger Tiere infizieren, wie sie sich im Körper ausbreiten, vermehren und wie sie auf andere – Menschen zum Beispiel – überspringen. Ohne dieses Wissen sind Seuchen nicht zu bekämpfen. Erstmals hat Europa ein Hochrisikolabor, in dem Forscher speziell an Großtieren wie Kühen gefährliche Erreger untersuchen können: auf der Ostsee-Insel Riems. Und in wenigen Tagen soll dort offiziell der Betrieb starten.

Seit die Hochsicherheitszone im Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) eingerichtet wurde, wird das Eiland auch gern einmal als "gefährlichste Insel Deutschlands" bezeichnet. Dafür ist die Fahrt dorthin überaus malerisch. Auf einer Landstraße geht es vorbei an kleinen Häuschen, Apfelbäumen und Segelbooten, die auf dem südöstlichen Ausläufer der Ostsee schaukeln. Vom Greifswalder Festland führt schließlich ein Damm über das Wasser, extra aufgeschüttet als Zufahrt zur Insel.

Alles begann in nur einem Haus

Riems ist nur knapp 1.300 Meter lang, misst an der breitesten Stelle 300 Meter. Seit mehr als einem Jahrhundert untersuchen Wissenschaftler in den Laboren auf der Insel Tierseuchen an Mücken, Zecken, Bienen, Fischen, Hühnern, Enten, Hamstern, Frettchen, Stinktieren, Fledermäusen, Schafen, Ziegen und Rindern. Alles begann in nur einem Haus, heute nehmen die Forschungsgebäude fast die gesamte Insel ein.

Das Institut ist so gut gesichert wie ein Gefängnis. Hohe Zäune sperren das Gelände ab, auf dem an insgesamt 10.000 Tieren geforscht wird. Wer in die Forschungsgebäude hineinkommen will, muss entweder durch eine Sicherheitsschleuse mit zwei Drehtüren, unter den Augen zweier Wachleute, oder den hauseigenen Hubschrauber-Landeplatz ansteuern. Zwar arbeiten die Seuchenforscher mit Bakterien und Viren, die primär Tiere infizieren. Viele, sogenannte Zoonosen, können aber auch Menschen befallen und ernste Erkrankungen wie Salmonellen, Milzbrand oder Tollwut verursachen.

Die gefährlichsten Erreger wie Sars, Ebola oder das Krim-Kongo-Fieber-Virus werden Wissenschaftler künftig im Hochsicherheitstrakt des FLI an Großtieren wie Kühen untersuchen. In dem Bereich herrscht die vierte und höchste Sicherheitsstufe, unter der ein biologisches Labor arbeiten kann. Nur zwei weitere Einrichtungen weltweit haben diesen Status: Eine ist im kanadischen Winnipeg, eine andere in Australien.

Das Training endet

Die Arbeit in der Risikozone ist kompliziert. Seit 2013 waren die Räume deshalb erst einmal nur Übungszone. Jedes Kabel wurde geprüft, jeder Handgriff geübt. Nun endet das Training. Die Seuchenforscherin Anne Balkema-Buschmann spielt ein letztes Mal die Abläufe durch. Sie kehrt den Mist aus dem kahlen, sterilen, hell erleuchteten Stall, füttert die vier Kühe in ihren engen Stahlboxen.

Dann geht sie in einen Nachbarraum, tropft mit einer Pipette Proben auf eine durchsichtige Platte, legt sie unter ein Mikroskop und schaut sie an. Dabei steckt sie in einem ballonartigen, gelben Anzug. Sie sieht aus wie ein unförmiges Michelin-Männchen, das über blaue Schläuche mit Luft versorgt wird.