Mundschutz, Handschuhe, Desinfektionsspray, Chirurgenkittel – es sind all diese Dinge, die Kliniken so kühl und ungemütlich machen. Doch genau diese Ausrüstung von Ärzten und Pflegern ist überlebenswichtig für Patienten. Dabei lauern überall winzige Bakterien, die schwere Infektionen auslösen können, sobald sie es in den Körper schaffen. Und der Weg in den Körper ist besonders leicht, wenn jemand am Tropf hängt, einen Katheter hat oder beatmet wird. Ist der Patient ohnehin geschwächt, liegt zum Beispiel schwer krank auf der Intensivstation, haben es Keime besonders leicht, sich im Körper auszubreiten. Mancher Erreger, der einem Gesunden nichts anhaben kann, hat dann plötzlich das Zeug zu töten. Besonders gravierend: Gegen manche dieser Keime helfen nicht einmal mehr Antibiotika – sie sind resistent oder sogar multiresistent.

Dass die Hygiene in Europas Kliniken nicht streng genug durchgehalten wird, untermauert jetzt eine neue Studie. Derzufolge stecken sich jedes Jahr rund 2,6 Millionen Europäer mit Keimen an, die sie sich im Krankenhaus einfangen. Etwa 91.000 Patienten sterben an so einer Bakterieninfektion. Die häufigsten Folgen seien Lungenentzündungen, Sepsis (Blutvergiftung), Harnwegs- und Wundinfektionen, wie Wissenschaftler vom Europäischen Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hochgerechnet haben (Plos Medicine: Cassini et al., 2016). Diese Zahlen umfassen alle Infektionen, die sich Patienten in Krankenhäusern zuziehen – nicht nur die mit multiresistenten Keimen, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken.

Die Daten wurden in den Jahren 2011 und 2012 in 30 europäischen Ländern mit zusammen 510 Millionen Einwohnern erhoben. Auch Deutschland lieferte seine Zahlen dazu. Als Basis für die Auswertung dienten am Ende Daten von rund 274.000 Patienten in rund 1.150 Akutkrankenhäusern.

Krankenhausinfektionen, die durch multiresistente Erreger ausgelöst wurden, wurden von den Forschern bewusst nicht separat ausgewiesen, sondern flossen in die Gesamtzahl ein. Riskant sind Infekte mit solchen Keimen vor allem für geschwächte Schwerkranke, Kinder und alte Menschen. Besonders in Kliniken, wo viele kranke Menschen zusammenkommen und wo viele Antibiotika im Umlauf sind, sind solche resistenten Erreger häufig.

Die Autoren der Studie bestätigen ein lange bekanntes Problem: Krankenhausinfektionen sind weitverbreitet – viele Infektionen wären aber vermeidbar. Hauptprobleme sind die mangelnde Hygiene bei der Unterbringung der Patienten sowie während Operationen. Einer von 20 Patienten infiziere sich mit etwas, schreiben die Forscher.

Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité hält die Studie für die beste, die bislang zu dem Thema veröffentlicht wurde – und zwar nicht nur in Europa. Die Ergebnisse würden sich auch mit den Annahmen der Berliner Forscher decken. Für Deutschland schätzt sie die Zahl der Krankenhausinfektionen pro Jahr auf rund 500.000. Dadurch komme es zu etwa 15.000 Todesfällen. Ein Drittel der Krankenhausinfektionen gilt als vermeidbar – zum Beispiel durch bessere Hygiene.

Wer schleppt die Keime ein?

Eine Krankenhausinfektion bekommt ein Patient per Definition in einer Klinik. "Er hatte sie noch nicht, als er aufgenommen wurde, und er war auch noch nicht mit diesen Erregern infiziert", sagt Gastmeier. Auch die Zeit spiele eine Rolle: Die ersten beiden Tage in einer Klinik würden als mitgebrachte Infektionen definiert, ab Tag drei als Krankenhausinfektion. Das heiße aber nicht, dass ab dem dritten Tag automatisch Klinikmitarbeiter die Schuld daran trügen. Die Gründe für diese Infektionen sind vielfältig. Klinikpatienten benötigten oft invasive Untersuchungen oder Therapien: Sie bekommen zum Beispiel Katheter gelegt oder werden an Beatmungsgeräte angeschlossen. "Das alles sind Eintrittsschienen für Erreger in den Körper."

Häufig seien es gar keine fremden Keime aus der Umgebung. "Jeder von uns schleppt Billionen Bakterien mit sich herum", sagt die Hygieneärztin. "Zum Beispiel auf unserer Haut oder im Darm – und die dringen dann in den Körper ein." Je länger ein Katheter liege, desto größer sei das Risiko dafür.