Es fängt an, wie eine Erkältung. Schnupfen, Husten, Fieber. Dann kommt der Ausschlag: rötlich-braunen Flecken, zum Teil am ganzen Körper. Ansteckend ist der Infekt schon vorher. Viele Kinder überstehen die Masern ohne Folgeschäden. Das täuscht darüber hinweg, dass der Infekt keine harmlose Kinderkrankheit ist: Pro Stunde sterben auf der Welt 16 Kinder an den Folgen der Masern, schätzt die WHO. Ein wirksamer Schutz: die Impfung. Dank ihr wurden weltweit schon Millionen Menschenleben gerettet. Doch gerade in Deutschland lassen zu viele Eltern ihre Kinder nicht impfen: Entweder aus Sorge vor Impfschäden, aus Unwissenheit oder einfach, weil sie den Termin versäumen.

Große regionale Unterschiede

Neue Zahlen zeigen, dass noch immer zu viele Kinder in Deutschland unzureichend geschützt sind. Nach Angaben der Wissenschaftler vom Versorgungsatlas erhalten nicht einmal zwei Drittel vor ihrem zweiten Geburtstag die nötige Doppelimpfung. Der Versorgungsatlas ist ein Studienportal des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Für ihre Analyse haben die Forscher den Impfstatus von 2,2 Millionen gesetzlich versicherten Kindern analysiert.

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Demnach sind mehr als 73.000 Kleinkinder, die zwischen 2009 und 2012 zur Welt kamen, nicht gegen Masern geschützt. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen einzelnen Regionen in Deutschland. In manchen Landesteilen sinken die Impfquoten.

Während in den niedersächsischen Städten Peine und Wolfsburg fast 80 Prozent der Kleinkinder vollständig geimpft sind, sind es im Süden deutlich weniger. In den bayerischen Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz und Rosenheim haben weniger als die Hälfte der Kinder beide Impfungen. Im Ländervergleich liegt Schleswig-Holstein an der Spitze. Bayern belegt im Ranking den letzten Platz.

Unterschiede gibt es auch zwischen Ost- und Westdeutschland: Die Quote für die erste Masernimpfung lag in allen Geburtsjahrgängen in Ostdeutschland bei etwa ein bis zwei Prozent über der in Westdeutschland. Bei der zweiten Masernimpfung ist es umgekehrt. Hier sind die Kinder im Westen häufiger geimpft als im Osten.

"Impfschutz hängt von der Einsicht der Eltern ab"

Die Forscher sprechen von einem "löchrigen Impfschutz". Der Leiter des Versorgungsatlas, Jörg Bätzing-Feigenbaum mahnte, die Impflücken bei Kleinkindern könnten in Kindertagesstätten und -horten fatale Folgen haben, wenn die Infektion eingeschleppt werde. In Berlin war im vergangenen Jahr ein vorerkranktes Kleinkind infolge der Masern gestorben. Bundesweit infizierten sich 2015 nach Angaben des Robert Koch-Instituts fast 2.500 Menschen mit dem Masernvirus.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordert eine Impfpflicht. Dessen Thomas Fischbach warnte: "Ob Kinder die lebenswichtige Masernimpfung bekommen, hängt von ihrem Wohnort und der Einsicht der Eltern ab." In der Politik werde die Tatsache ausgeblendet, dass Eltern zum Teil durch sachliche Argumente nicht zu erreichen oder nachlässig bei Impfterminen seien. Gut gemeinte Kampagnen reichten nicht aus.

Auch Politiker, unter anderem Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, fordern seit Längerem eine Impfpflicht. Umfrage ergaben, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland ebenfalls dafür wäre. Eingeführt wurde sie jedoch bisher nicht.

Vor allem mögliche Komplikationen – etwa eine Hirnhautentzündung – und die Schwächung des Immunsystems durch den Infekt machen die Masern so gefährlich. Schwere Verläufe werden vor allem bei Säuglingen und Erwachsenen beobachtet. In seltenen Fällen kann die Krankheit zum Tod führen.

Deutschland und viele andere Länder haben es sich zum Ziel gesetzt, die Masern auszurotten. Dazu müssen mindestens 95 Prozent der Gesamtbevölkerung geimpft sein.

Infektion - Wenn Eltern die Masern-Impfung vergessen