Damit sein Mietwagen unter der Last von 500.000 Anti-Aids-Pillen nicht zusammenbrach, tauschte er die Stoßdämpfer gegen Spezialbauteile aus. Dann zog sich Ron Woodroof ein schwarzes Priestergewand über und startete seine Schmuggelfahrt von Mexiko in die USA. Meistens kam er gut über die Grenze mit dieser Tarnung. Und sie machte Woodroof zu einer Legende der Aids-Krise der späten 1980er Jahre. Als Kopf eines sogenannten Buyers Clubs schleuste er für Aids-Kranke experimentelle Medikamente ins Land, die von der amerikanischen Gesundheitsbehörde noch nicht zugelassen waren.

Drei Jahrzehnte später gibt es so was wie einen neuen Ron Woodroof. Er heißt Greg Owen und betreibt eine englischsprachige Website, auf der er über nachgemachte HIV-Medikamente informiert und über Online-Apotheken, die sie anbieten. Die mit Abstand meisten Nutzer kommen aus Deutschland, abgesehen vom Heimatmarkt Großbritannien.

Sicher, es gibt Unterschiede zwischen damals und heute. Ron Woodroof schmuggelte zum Teil dubiose Arzneien, von denen manche den Zustand der Aids-Patienten noch verschlechterten. Zehntausende lagen im Sterben. Und sie schluckten und spritzten alles, was ihnen die Hoffnung gab, ihr Leben nur ein bisschen zu verlängern

Sex ohne Risiko?

Greg Owens Kunden dagegen liegen nicht im Sterben. Sie sind HIV-negativ und wünschen sich kondomlosen Sex ohne Risiko, sich mit dem Virus anzustecken. Seine Website listet ausländische Online-Apotheken, die Präparate zum Schutz vor HIV verkaufen. Truvada ist so ein Medikament, das auch auf dem europäischen Markt zugelassen ist. Die Nachahmungen heißen Teno-EM oder Tenvir-EM. Truvadas Wirkstoffe helfen erwiesenermaßen dabei, die Infektion mit dem Virus zu verhindern. Deshalb ist es Teil der präventiven HIV-Behandlung, kurz PrEP.

Wenngleich das Medikament keinen vollständigen Schutz bietet. Es verhindert zwar 86 Prozent der Infektionen. Wer annähernd vollständigen Schutz will, muss aber zusätzlich Kondome benutzen. Und selbst dann ist keine hundertprozentige Sicherheit vor HIV garantiert. Ohnehin schützt Truvada nicht vor anderen Krankheiten, die sich durch Sex übertragen.

In Deutschland dürfen Ärzte die Pillen zwar seit kurzem verschreiben, aber die Kosten von rund 800 Euro pro Monatspackung muss der Patient selbst tragen. Owens Website preist billige Alternativen an: Kopierte Versionen aus Indien oder Thailand. Diese Generika sind schon für 50 Euro und weniger zu haben. Um minderwertige oder gefälschte Produkte herauszufiltern, macht Owen Testbestellungen und schickt die Pillen ins Labor.

Was Greg Owen und Ron Woodroof gemeinsam haben: Sie verleiten Menschen zur Selbstmedikation mit schweren HIV-Arzneien. Truvada ist zwar zunächst gut verträglich. Nur manche leiden zu Beginn der Einnahme unter leichten Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopf- oder Gelenkschmerzen oder Müdigkeit.

Doch wie viele Medikamente, die lange Zeit genommen werden, belastet es die Niere. Auch die Leber kann Schaden nehmen, Truvada kann das Immunsystem stören und die Knochendichte herabsetzen, was zu Knochenbrüchen führen kann. Owen empfiehlt auf seiner Website zwar regelmäßige ärztliche Untersuchungen. Doch in erster Linie gibt er Tipps, wo Menschen ohne medizinischen Check und ohne Rezept Arzneimittel bekommen können, die nur er selbst geprüft hat. Ärzte bringt das in die Lage, dass sie Patienten bei der Medikation mit selbstbeschafften Generika helfen, ohne offen darüber reden zu dürfen.

Welt-Aids-Tag - Große HIV-Impfstudie in Südafrika Südafrika hat eine der höchsten HIV-Infektionsraten weltweit. Nun wird in einer groß angelegten Studie ein neuer Impfstoff getestet, der das Infektionsrisiko um die Hälfte senken soll. © Foto: Mujahid Safodien/Getty Images