Der Winter gilt vielen nicht als Freund des Sportlers, sondern als sein Saboteur. Er macht zunichte, was wir mit Mühe, Kreativität und unbedingtem Willen erschaffen haben: die guten Vorsätze. Was planen wir nicht alles, um im Frühjahr agil und schön aus den Startlöchern zu kommen! Doch dann ist da der böse, raue Winter mit seinem Kumpel Väterchen Frost und macht alles kaputt. Er lässt es regnen, schneien und gefrieren. Er sorgt dafür, dass sich die Sonne wochenlang nicht zeigt. Und wenn, dann nur von kurz vor Mittag bis kurz danach. Der Winter macht es uns so richtig schwer – und seine Unbilden halten uns vom Sport ab, auf den wir uns gefreut haben. Er verhindert die Ertüchtigung des Leibs.

Doch mit dieser Haltung irren wir. In Wahrheit ist der Winter unser Freund. Seine Unwirtlichkeit erst lässt die schönste aller Freuden sprießen, die Vorfreude auf den Frühjahrsmarathon und die sommerliche Radtour. Wir selbst sind es, die unsere Pläne torpedieren, indem wir die falsche Taktik wählen – und dadurch dem inneren Schweinehund unterliegen. Diesen mit Gewalt besiegen zu wollen ist ein Fehler. Erfolg haben wir, wenn wir die legendäre Chimäre elegant überlisten.

Ich sage Ihnen, wie das geht. Mein Trainingsplan folgt der simpelsten aller Regeln: Will ich nicht laufen, lauf ich nicht. Wenn es einen Vorsatz gibt, den ich fasse, dann den, nicht zu trainieren. Mit dieser Taktik fahre ich seit Jahrzehnten gut. Sie hat verhindert, dass mir der Sport verleidet wird. Nur freiwillig schnüre ich mir Lauflatschen an die Füße. Und sobald ich unterwegs bin, drängt es mich, weiterzulaufen, und meistens viel weiter als eigentlich geplant.

Sehen Sie mir bitte nach, dass ich soeben ein wenig übertrieben habe. Selbstverständlich kennt meine eiserne Regel wie jede vernünftige Regel Ausnahmen. Auch mir macht das Laufen manchmal keinen Spaß – trotzdem spule ich Kilometer ab. Nicht immer spüre ich ein runner’s high – dennoch hetze ich weiter, weil mein Großhirn sagt, ich müsse dies nun tun, um fit zu bleiben.

In den seltenen Momenten sportlicher Unlust hilft mir ein Trick, der hoffentlich auch bei Ihnen funktioniert. Ist die Witterung kühl, fällt Eisregen, droht Schneematsch und fühle ich mich nach einem langen Arbeitstag in der ZEIT- Redaktion für jede kreislaufanregende Betätigung zu schlapp, dann sage ich mir: Du musst nicht laufen. Ich beschließe, definitiv keinen Sport zu treiben. Trotzdem ziehe ich schnell Laufhose und Laufschuhe an, unverbindlich, quasi symbolisch. Ohne dass ich mich zu irgendetwas verpflichtet fühle, gehe ich nach draußen – begleitet vom hochheiligen Versprechen, dass ich gleich wieder zurück ins Haus darf, aufs Sofa, hinter den Ofen, mit einem warmen Tee.

Stehe ich dann auf der Straße, erlaube ich mir weiterhin komplette Muße. Müßig flüstere ich mir zu: Die hundert Meter bis zur Bäckerei, die läufst du jetzt – einfach nur um zu wissen, wie es denn so ungefähr gewesen wäre, hättest du dich entschieden, laufen zu gehen. Bin ich die hundert Meter bis zur Bäckerei gerannt, könnte ich umkehren. Stattdessen finde ich es gar nicht mehr schlimm, noch hundert Meter draufzusetzen. Zwanglos treibe ich dieses Spiel weiter. Bis es mir zu blöd geworden ist, wieder umzukehren. Nach einem Kilometer macht mir Bewegung nichts mehr aus. Nach zwei Kilometern freue ich mich auf den dritten. Nach vier Kilometern euphorisiert das runner’s high mein Gemüt. Nach fünf hat sich der Regen in Erfrischung, die Kälte in wohlige Kühle verwandelt.

Und aus dem inneren Schweinehund ist so etwas wie das Ungeheuer von Loch Ness geworden: ausgeschlossen, dass es ihn gibt.

Anm. d. Red.: Dieser Text ist in ähnlicher Fassung im Heft ZEIT Wissen Saison Winter 2016/2017 erschienen