Nicht alles am Älterwerden ist schlecht. Eine Vielzahl aktueller Studien entwirft ein neues, differenziertes Bild vom Leben jener Menschen, die früher einmal Senioren hießen. Sie haben ein langes, erfülltes Leben vor sich – wenn sie Sport treiben und auch ihren Geist trainieren.

Nie zuvor in der Geschichte konnten so viele Menschen ab 60 so viel erleben, neu lernen und gesund altern. Wer 1957 geboren wurde, der hatte zunächst eine Lebenserwartung von 65,85 Jahren. Ein Leben nach der Arbeit? Darauf war kaum zu hoffen. Haben diese Menschen jedoch erst mal die 60 erreicht, bleiben ihnen heute im Schnitt noch mehr als 20 Jahre. Jedes weitere erreichte Jahrzehnt erhöht die Chancen, noch länger zu leben.

Doch was bloß ist mit den gewonnenen Jahren anzufangen? Sie mit Leben füllen, schrieb Andreas Kruse, Gerontologe aus Heidelberg im Magazin ZEIT WISSEN (Nr. 2/2015). Bestenfalls mit Freundschaften, Musik, Sport und Liebe – wie Psychologen und Altersforscher aus ihren Untersuchungen kürzlich wieder belegt haben (The International Journal of Aging and Human Development: Nicolaisen & Thorsen, 2017 & Psychology and aging: Segerstrom et al., 2016).

Die Haut mag schlaffer werden, das Haar schütterer – was sich dafür bei älteren Menschen mehrt, sind "Gelassenheit, das Verlangen nach Harmonie und emotionaler Stabilität ebenso wie die Fähigkeit, zu vermitteln und zu moderieren" (ZEIT WISSEN Nr. 6/2014). Ab 60 werden Menschen gutmütiger und gehen entspannter mit schwierigen Situationen um (Annals of the New York Academy of Sciences: Mather, 2012 & Psychology and Aging: Reed, Chan & Mikels, 2014).

Den Geist fit halten

Wer glaubt, im Alter würden wir nur tüddeliger, irrt. Obwohl das Gehirn in der Tat deutlich abbaut. Mit der Zeit verliert es an Masse, die Zahl der Hirnzellen nimmt ab, ihre Schutzschicht wird dünner und die Nervenverbindungen funktionieren schlechter, genau wie die chemische Signalübertragung. Lernen fällt schwerer. Aufmerksamkeit, Konzentration und Reaktionszeiten nehmen ab.

Eine Ausrede, sich gehen zu lassen, ist das nicht. Das Gehirn ist bis ins hohe Alter trainierbar, da ausgefallene Nervenverbindungen von anderen übernommen und sogar neue Zellen gebildet werden. Erst im Januar hatten Hirnforscher festgestellt: Das Gehirn ist zwar schon bei Dreijährigen nahezu ausgewachsen, kann aber bis ins Alter von ungefähr 50 noch um ein Prozent an Volumen zulegen (Science: Gomez, Jesse et al., 2017). Übrigens wachsen auch Ohren und Nase ein Leben lang.

Psychologen sind überzeugt: Der Geist schärft sich mit dem Alter – zumindest in gewisser Hinsicht. Neben der "fluiden Intelligenz", also etwa einer schnellen Auffassungsgabe und einem guten Gedächtnis, besitze der Mensch eine "kristalline Intelligenz" (Journal of Educational Psychology: Catell, 1963). Sie beruht auf Übung, setzt Gelerntes in Beziehung und wird kulturell beeinflusst. Zu ihr zählen das verbale Ausdrucksvermögen, Fachwissen und soziale Kompetenz.

Während die fluide Intelligenz ab etwa 25 Jahren zurückgeht, entfaltet sich die kristalline erst richtig. Mit 60 ist sie so ausgeprägt wie nie. Zwar kann sie später wieder abnehmen, aber mancher hat Glück und bleibt davon verschont (ZEIT WISSEN Nr. 6/2014).

*Anm. d. Red.: Zum Zeitpunkt der Aufnahme war der Mann 58 Jahre alt. Wir haben die Bildunterschrift entsprechend korrigiert.