Nein, Brasiliens größtes Problem ist gerade wirklich nicht der Ausbruch des Gelbfiebers. In dem Land Südamerikas werden jedes Jahr rund 55.000 Menschen gewaltsam getötet. Fast ebenso viele sterben in Folge von Verkehrsunfällen. Hinzu kommen eine epidemische Korruption – Platz 79 von 179 Ländern im Ranking von Transparency International – und enorme Schulden, die beispielsweise der Bundesstaat Rio de Janeiro sich auch durch die Austragung der Olympischen Spiele 2016 aufgeladen hat. Rio ist so pleite, dass die Infrastruktur des Staates zerbröckelt. Das gilt auch für Krankenhäuser und Gesundheitszentren.

Die erneute – und überraschend heftige – Rückkehr des lebensgefährlichen Gelbfiebers ist ein Symptom: für die Ignoranz einer abgehobenen politischen Klasse gegenüber existenziellen Problemen der Bevölkerung. Und für ein Gesundheitssystem, das gerade am lebenden Objekt vorführt, wie man nicht mit Epidemien umgehen sollte.

War 2012 kein einziger Fall von Gelbfieber in Brasilien bekannt geworden und 2016 lediglich sechs, so wurden in diesem Jahr bereits 550 Verdachtsfälle bei der Gesundheitsbehörde registriert, 72 davon sind bisher bestätigt. 23 Fälle wurden verworfen – 455 weitere werden noch untersucht (Pan American Health Organisation: Stand vom 26. Januar). Getötet hat das Gelbfieber seit dem Ausbruch schon 40 Menschen, 65 weitere Todesfälle werden untersucht. Es ist der schlimmste Ausbruch der Virusinfektion in Brasilien seit 15 Jahren.

Dabei hätte man gewarnt sein können, meint der Epidemiologe Eduardo Massad von der Universität São Paulo. Mit einem Ausbruch auf dem Land habe man gerechnet. "Wir sitzen auf einer Zeitbombe", sagte er und warnte vor dem Risiko einer Gelbfieber-Epidemie in den Städten. Diese hätte schlimmerer Folgen als die Verbreitung der ebenfalls von Mücken übertragenen Infektionskrankheiten Zika (alles zum Zika-Virus lesen Sie auf diesen Seiten), Dengue und Chikungunya gemeinsam. Die meisten Gelbfieber-Infizierten erleiden keine toxische Reaktion, die die Organe schädigt und erholen sich ganz von der Krankheit. Doch in etwa 15 Prozent der Fälle verläuft der Infekt schwer. Dann liegt das Risiko, daran zu sterben bei um die 50 Prozent.

Dabei wäre das Virus einfach zu besiegen. Mit einer flächendeckenden Impfung hätte es keine Chance. Aber in Brasilien, neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt, haben die nur 63 Prozent der Menschen innerhalb der letzten zehn Jahre erhalten. Neue Studien hatten zwar gezeigt, dass eine Auffrischung nach zehn Jahren nicht nötig ist, der Schutz hält länger an. Dennoch: Der Anteil derjenigen, die Antikörper im Blut haben ist einfach zu gering, um Epidemien zu unterbinden: Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO müssten dazu mindestens 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.

Im Bundesstaat Minas Gerais, dem Herd des jetzigen Ausbruchs, haben sogar nur 50 Prozent der Menschen die nötige Spritze bekommen. Dort war 2009 der letzte Fall von Gelbfieber registriert worden. Nun sind dort bereits 38 Menschen daran gestorben. Der jetzige Ausbruch ist in erster Linie eine Folge dieser fehlenden Impfdichte. Dabei zählt das riesige Minas Gerais mit seinen 21 Millionen Einwohnern zu den Bundesstaaten, die schon lange als Risikogebiete ausgewiesen sind. Gerade dort wird eine Impfung dringend empfohlen.

Abwarten, statt handeln – eine fatale Strategie

Doch kaum jemand wurde informiert, es gab keine gezielten Impfaktionen, während große Teile der ländlichen (und ärmeren) Bevölkerung ohnehin keinen Zugang zu Ärzten oder Krankenhäusern haben. Die wenigen Gesundheitsstationen befinden sich oft weit entfernt von den Dörfern. Die Fahrt dorthin ist für viele schlicht zu teuer. Anstatt die in Brasilien kostenlose Impfung zu den Menschen zu bringen, mit der WHO zusammenzuarbeiten und Aufklärungskampagnen zu starten, hat man auf Freiwilligkeit vertraut. Und weggeschaut. Das rächt sich nun.

Und was ist in dieser Situation eigentlich von Ricardo Barros, Brasiliens Gesundheitsminister, zu halten? Anstatt die Bevölkerung zu animieren, sich untersuchen zu lassen, hat er gesagt, viele Menschen, die in öffentliche Gesundheitsstationen kämen, würden ihre Krankheiten nur erfinden.

Der Virologe Luiz Tadeu Figueiredo, einer der besten seines Fachs in Brasilien, liegt daher völlig richtig, wenn er fordert, dass die Regierung endlich aufhören solle, "zu improvisieren". Denn wie schon bei Zika, das die Hirne von Ungeborenen infizierter Schwangerer schädigen kann und dem ansonsten deutlich gefährlicheren Denguefieber scheitert Brasiliens Regierung nun erneut an der Bekämpfung von einer durch Moskitos übertragenen Seuche.

Mit Dengue, gegen das es noch keinen marktreifen wirklich wirksamen Impfstoff gibt, infizieren sich mittlerweile jährlich rund 1,5 Millionen Brasilianer. In jeder Saison wartet die Regierung ab, bis die Zahlen nach dem Sommer wieder sinken und das Problem aus den Medien verschwindet. Einen systematischen Ansatz – etwa die Ausbreitung und Vermehrung der Mücken rechtzeitig zu bekämpfen oder die arme Bevölkerung mit genug Moskitonetzen und Informationen auszustatten, gibt es nicht. Auch die Kampagne gegen Zika im Jahr 2016 hatte nur ein Ziel: dem Rest der Welt vor den Olympischen Spielen vorzugaukeln, man gehe gegen das Virus vor. Seit dem Ende der Spiele wird in Brasilien nicht mehr über Zika geredet.

Das Gelbfieber könnte Millionenmetropolen erfassen

Generell wird zwischen zwei Gelbfieberarten unterschieden: dem Dschungelgelbfieber in ländlichen Regionen, das von Mücken der Gattungen Haemagogus und Sabethes über Affen auf den Menschen übertragen wird. Und das Stadtgelbfieber. Um sich damit zu infizierten, reicht ein Stich der Mückenart Aedes aegypti, auch als Ägyptische Tigermücke, Denguemücke oder Gelbfiebermücke bekannt.

Dass es seit 1942 keinen einzigen Fall mehr von urbanem Gelbfieber in einer Millionenmetropole wie Rio oder São Paulo gegeben habe, betont die Regierung von Präsident Michel Temer im Moment derzeit besonders und immer wieder. Seine kriminell nachlässige Politik trägt dazu bei, dass sich dies sehr bald ändern könnte.