Sexuellen Dienstleistungen für Pflegebedürftige und Behinderte finanziell fördern – das hat Elisabeth Scharfenberg, pflegepolitische Sprecherin der Grünen, vorgeschlagen. Kritiker reagierten entsetzt: Die Idee sei "abwegig", sagte etwa der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, "bezahlte Prostitution in Altersheimen" lehne er ab.

ZEIT ONLINE: Frau Paulsen, Sie haben selbst eine kommerzielle Vermittlungsagentur für Sexualassistenz gegründet. Was darf man sich unter dem Service vorstellen?

Gabriele Paulsen: Sexualassistenz ist vor allem auf Senioren sowie Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung ausgelegt. Wir wollen eine selbstbestimmte Sexualität ermöglichen. Dabei geht es weniger um den penetrativen Sex als mehr um das Beieinandersein, das miteinander Nacktsein, das miteinander Zärtlichsein und Kuscheln. Darunter fällt auch die erotische Berührung als solche. Eine Stunde kostet 150 Euro. 30 Euro gehen davon an uns, 120 an die Sexualassistenz.

ZEIT ONLINE: Heißt: Es findet kein Sex statt?

Paulsen: Wir schließen den Sexual- und Oralverkehr aus. Das machen wir gezielt, um gewissen gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen. Damit unterliegen unsere Mitarbeiter keiner gesetzlichen Meldepflicht und benötigen auch keine gesundheitliche Untersuchung. Außerdem wollen wir unseren Bereich auf seriöse Beine stellen und durch unsere Richtlinien Vertrauen bei den Pflegern schaffen.

Gabriele Paulsen ist Chefin bei Nessita, Deutschlands einzigem Dienstleister für sexuelle Assistenz für Demenzpatienten und Menschen in Altersheimen. © Daniel George

Grundsätzlich ist es so, dass jede Sexualassistenz selbst bestimmt, wie weit sie geht. Manche schließen das von vornherein für sich selbst aus. Für andere Kollegen ist der Geschlechtsakt durchaus möglich. Die arbeiten dann aber nicht für Nessita.

ZEIT ONLINE: Es kommt also nicht unbedingt zu Geschlechtsverkehr – wohl aber zu sexuellen Handlungen. Ist es da nicht nachvollziehbar, dass Politiker wie Karl Lauterbach von der SPD von "Prostitution" sprechen?

Paulsen: Für mich persönlich unterscheidet sich die Sexualassistenz von der Prostitution durch die Qualifikation der Kollegen. Sie haben sich auf Menschen mit körperlich-geistiger Behinderung oder Senioren spezialisiert. Außerdem ist die klassische Prostitution nicht auf die empathische Ebene ausgelegt.

Sexualität wird häufig tabuisiert, vor allem bei alleinstehenden alten und dementen Menschen. Es wird so getan, als ob es sie nicht gäbe. Das stimmt aber nicht. Bedürftige, Alten- und Pflegeheime könnten sich an Bordelle wenden, trauen sich das aber nicht. Ist das jetzt Förderung der Prostitution oder Zuhälterei? Hier fehlt es tatsächlich an klaren Regeln. Die Unsicherheit ist groß.

Sex im Alter – ein Tabu?

ZEIT ONLINE: Ist Sex im Alter überhaupt ein Thema in Pflegeheimen?

Paulsen: Leider zu selten. Ich bin 50 Jahre alt. In Schulungen stelle ich mich immer kurz vor und gebe mein Alter an. Dann frage ich: Wie lang geht denn Sex so? Von jungen Menschen kommt dann ganz vehement: Bis 40 und nicht weiter! Wenn ich sie dann frage, ob ich dann seit zehn Jahren keinen Sex mehr haben dürfte, gucken sie erst mal verdattert. Sex ist zu oft eine Frage der Wahrnehmung und des eigenen Alters.

ZEIT ONLINE: Haben Senioren andere sexuelle Bedürfnisse als behinderte Menschen?

Paulsen: Wie ich das erlebe, ist bei älteren Menschen der Wunsch nach Penetration nicht so ausgeprägt wie bei Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung. Bei geistig Behinderten ist es oft so, dass sie ihre eigene Sexualität weder kennen noch erlebt haben. Häufig fehlt die Erfahrung, die ältere Menschen in ihrer Jugend und Pubertät gemacht haben. Menschen mit geistiger Behinderung sehen viel in Filmen und sagen dann: Das möchte ich auch. Da bedarf es eines behutsamen Umgangs.

ZEIT ONLINE: Gibt es Belege – Studien oder belastbare Umfragen – dafür, dass sexuelle Assistenz den Kunden hilft, etwa der Gesundheit förderlich ist?

Paulsen: Auf jeden Fall. Die Diplompsychologin Kirsten von Sydow hat mehrere Studien zu den Vorteilen von selbstbestimmtem Sex bei Pflegebedürftigen veröffentlicht. Ein weiteres Stichwort ist Inklusion: Das Recht auf Selbstbestimmung von Alten und Behinderten ist im Grundgesetz verankert. Wenn ältere Menschen an Mobilität verlieren und nicht mehr aus ihrer Wohnung kommen, halte ich Sexualassistenz für ein probates Mittel, um in Kontakt zu kommen und sich selbst zu bestimmen.

ZEIT ONLINE: Fühlen sich manche Menschen durch Ihr Angebot aber nicht noch weiter diskriminiert?

Paulsen: Es gibt körperlich-behinderte Menschen, die keine Lust darauf haben, dass ihnen ständig gesagt wird, wie, wann und mit wem sie Sex haben sollen. Zugleich haben wir 65 Prozent Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen. Die Krankheit enthemmt manche, sie stehen dann auf einmal nackt vor ihren Pflegern und wünschen sich sexuelle Kontakte, was die Pfleger überfordert. Könnten die Betreiber eine Sexualassistenz anbieten, wäre das hilfreich für alle.

Eine neue Form der Diskriminierung?

ZEIT ONLINE: Wie nehmen die Kunden mit Ihnen Kontakt auf?

Paulsen: Bei Senioren sind es witzigerweise die Enkelkinder. Tochter oder Sohn trauen sich oft nicht und schicken dann häufig den erwachsenen Enkel vor.

ZEIT ONLINE: Woher kommen Ihre Mitarbeiter?

Paulsen: In der Regel haben die einen pflegerischen oder sozialpädagogischen Hintergrund. Sie müssen auf jeden Fall in einer Pflegeeinrichtung tätig gewesen sein. Viele kommen aus dem therapeutischen Bereich oder aus dem Tantra.

ZEIT ONLINE: Also keine Prostituierten, die über aus Osteuropa nach Deutschland geschleust wurden?

Paulsen: Ganz sicher nicht. Wir haben anfangs versucht, mit geprüften Bordellen zusammenzuarbeiten, ich hielt das für eine gute Idee – aber es hat nicht geklappt. Heute arbeiten bei uns vier Männer und zehn Frauen aus Deutschland.

ZEIT ONLINE: Sollten Krankenkassen sexuelle Assistenz finanzieren? Schließlich wird der Bordellbesuch von Menschen, die von Sozialleistungen leben, auch nicht subventioniert.

Paulsen: Das ist zweischneidig. Auf der einen Seite haben wir die Altersarmut. Von sexuellen Dienstleistungen wären Ältere daher ausgeschlossen. Auf der anderen Seite würde man sexuelle Dienstleistungen pathologisieren, wenn Krankenkassen sie mitfinanzieren würden. Dann heißt es: Man muss so und so krank sein und diese oder jene Einschränkung haben, um die Mittel zu bekommen. Das halte ich auch nicht für richtig.

ZEIT ONLINE: Wie ginge es besser?

Paulsen: Den Einrichtungen solle eine Art Geldtopf für solche Betreuungsleistungen zur Verfügung gestellt werden. Meine Kunden genießen vor allem die Zeit miteinander, die Zweisamkeit. Das kann die Pflege nicht leisten. Wenn die Pflegeheime nun ein Budget hätten und im Gespräch mit den Bewohnern fragen "Wollen Sie, wollen Sie nicht?", dann entscheiden die, die den Bewohnern nahe sind. Und das sind die Pflegekräfte und nicht die Hausärzte. Wenn ich mir das vorstelle, dass man für so etwas beim Hausarzt vorstellig werden muss, finde ich das ehrlich gesagt gruselig.